Der Roman befindet sich zurzeit in Korrektur, daher dürfen gefundene Fehler gerne behalten werden.

Vorwort

Das Leben ist vieldimensional und kann unvorbereitet seine Richtung ändern. Manchmal sind es bewusste Handlungen, bisweilen spielt der Zufall eine gewichtige Rolle und hin und wieder entscheidet vermutlich auch das Schicksal darüber, welchen Abweichungen eine Lebensplanung unterliegt. Unwägbarkeiten, die einen strukturiert geplanten Weg beeinflussen, seine Richtung verändern und einem das ganze Leben auf den Kopf stellen können.

Der Plan war, das Abitur im kommenden Jahr mit einer guten Note abzuschließen, um danach ein zukunftsorientiertes Studium zu absolvieren. Später dann eine Frau und zwei Kinder, mit denen er finanziell abgesichert in einem schuldenfreien Häuschen, in der Nähe von Hannover wohnen würde. Zwei Familienurlaube im Jahr, samstags den Minivan waschen und zwei Mal in der Woche den Rasen mähen. So war sein Plan.

„Planung ohne Kontrolle ist Blödsinn – Kontrolle ohne Planung unmöglich“, hatte er einmal einen seiner Lehrer sagen hören, wonach er sich diese Weisheit zum Lebensmotto machte.

Er hatte sein Leben geplant, aber von einem Moment zum nächsten entglitt ihm die Kontrolle. Erlebnisse, Erkenntnisse und neue Sichtweisen lehrten ihn eine neue und völlig unbekannte Seite an sich, die seinen Mut zur Überwindung von allgemeingültigen Regeln auf die Probe stellte. Er lernte, dass nicht die Gesellschaft über seine Vorlieben und Neigungen diktieren durfte, sondern dass er sich selbst entfalten musste.

Ein Lebensweg ist keine gerade Linie, sondern beinhaltet Kurven, Steigungen und vor allem Abzweigungen. Diese Abzweigungen machen jedes Leben einmalig und nicht kopierbar, daher ist auch sein Lebensweg ein Unikat und kann allerhöchstens anderen ähneln.

 

Teil 1

 

1

 

Mit schweißnassen Händen und geröteten Ohren, stand der junge Mann in der Schlange zur Drogeriemarktkasse an.

Wenn er in diesem Moment geahnt hätte, was aus seiner Handlung für Konsequenzen erwachsen sollten, er hätte sein Vorhaben vermutlich sofort abgebrochen. Keine zwei Minuten später gab es keine Umkehr mehr, und er hatte einen Punkt erreicht, der sein Leben in eine neue Bahn lenkte.

Dieser ausschlaggebende Moment, der Wendepunkt seiner Lebensplanung wurde durch eine Kassiererin personifiziert, und in der Rückbetrachtung war er ihr dafür dankbar. Ohne sie würde er heute, genau wie zigtausend anderer Männer, sein Verlangen zwanghaft unterdrücken oder es aber heimlich ausleben. Einsam, mit einem schlechten Gewissen und in ständiger Angst vor Entdeckung.

Er, das ist Sasha Gleve und der Weg, der ihn zu der Kassiererin geführt hatte, war so nie von Sasha geplant. Ausschlaggebend daran war letztlich seine heimliche Leidenschaft, von der niemand etwas ahnte, schon gar nicht seine Familie.

Nicht zu seiner Familie gehörte ein Vater. Er kannte und vermisste den für ihn fremden Mann nicht. Für Sasha war er nur ein Jemand aus der Vergangenheit seiner Mutter, der sich von allen Pflichten freikauft, und nur seinen Nachnamen bei ihm und seiner Schwester Sina gelassen hatte.

Sina war knapp vier Jahre älter als Sasha und zusammen mit ihrer Mutter lebten sie in der Südstadt von Hannover. Beate Gleve schaffte es seit fünfzehn Jahren erfolgreich, dass niemand den Vater ihrer Kinder vermisste. Sie war eine Frau, die Arbeit, Haushalt und Erziehung bravourös in Einklang brachte und beispielhaft eine alleinerziehende Mutter verkörperte. Es ging ihnen gut und sie sorgte dafür, dass es an nichts fehlte.

Im Nachhinein würden aber vermutlich nicht wenige Menschen behaupten, dass der fehlende Vater an Sashas fehlgeleiteter Entwicklung schuld sei. Diese Menschen wären wohl ebenfalls der Meinung, dass ein Vater im Haus, eine starke und führende Hand, den Jungen schon in die richtigen Bahnen gestoßen hätte. Dass er dafür gesorgt hätte, dass Sasha zu einem normalen Jungen und einem richtigen Mann herangewachsen wäre.

Im Umkehrschluss würde dies aber bedeuten, Sashas wäre falsch gewesen. Richtig und falsch sind oft nur subjektive Standpunkte und unterliegen persönlichen Ansichten. Nur weil neun von zehn Menschen keine Buttermilch mögen, ist Buttermilch trotzdem nichts Verwerfliches.

Für Sasha galt, dass er einen alternativen Weg eingeschlagen hatte und er glaubte nicht, dass ein Mann im Haus ihm diese Abzweigung dauerhaft und wirksam hätte verschließen können.

Sasha und Sina kamen optisch ganz nach ihrer Mutter. Beide hatten die schlanke Statur, sowie das reine und ebenmäßige Gesicht der hübschen Mittvierzigerin.

Dass Beate sich in all den Jahren nie wieder gebunden hatte lag einfach daran, dass ihr nie der Richtige begegnet war. Ein Mann, der einerseits Verständnis für eine alleinerziehende Mutter aufbrachte, aber gleichzeitig auch von den Kindern akzeptiert worden wäre. Nach Jahren als Mutter und Versorgerin in Vollzeit, in denen sie sich aufopfernd um das Heranwachsen ihrer Kinder gekümmert hatte, ließ ihr deren zunehmende Selbstständigkeit aber wieder mehr Zeit für eigene Freiräume. Gelegentlich traf sie sich mit Freunden und Kollegen, ging aus und fand dabei auch die Frau wieder, die in ihr so lange verborgen war. Trotzdem hatte Beate ihren Kindern niemals einen Mann vorgestellt. Und zumindest solange, wie sie ihrer Verantwortung als Mutter nachkommen musste, wollte sie dieses auch nicht tun.

Trotz seiner eher zurückhaltenden Art war Sasha ein durchaus beliebter Mitschüler und in der Klassengemeinschaft voll integriert. Zwar gehörte er keiner Clique an, und Verabredungen der Jungen zum Bolzen oder Abhängen nutzte er nur selten, aber ein Außenseiter war er deshalb trotzdem nicht. Sasha wurde von ihnen akzeptiert, seine Meinung war gefragt, sein Torschuss jedoch eher weniger.

Von den Mädchen wurde er vor allem für seine Verlässlichkeit und Verschwiegenheit geschätzt. Sie vertrauten ihm und mochten Sashas schüchternes Wesen. Für sie war er ein Freund, aber auch eine Verbindung zum anderen Geschlecht. Zu denen, die nicht wie Sasha waren. Zu den jungen Männern in ihrer Klasse, mit denen sie nicht nur reden wollten, die ihnen nicht bei den Hausaufgaben helfen sollten und denen sie keine ihrer Probleme anvertrauten. Solche, die in ihnen eine Frau sahen und an deren Schulter sie sich sicher fühlten.

Gerne wäre Sasha für die Mädchen mehr gewesen, sah sich selbst jedoch nicht als ernsthafte Konkurrenz zu seinen Klassenkameraden. Feingliedrig und mit spärlichem Bartwuchs, immer gepflegt und ordentlich, stand Sasha als eine Art Neutrum bei und zwischen den Geschlechtergruppen. Das machte ihn zu einem Vertrauten der Mädchen, einem guten Freund, der nicht Testosteron gesteuert war und nicht nur das Eine wollte.

Darin irrten sie sich allerdings. Sasha fand sich lediglich mit seiner Rolle ab, sehnte sich aber insgeheim sehr danach, auch als Mann gesehen und begehrt zu werden.

Er war sich darüber bewusst, letztlich auch nur ein Wolf im Schafspelz zu sein. Wenn sich ihm die Gelegenheit bot, zum Beispiel wenn er mit einer seiner Klassenkameradinnen für eine anstehende Klausur übte, musterte er verstohlen ihren fraulichen Körper und streichelte mit seinen Blicken über ihre sanften Wölbungen. Heimlich atmete Sasha ihren Duft tief ein und fühlte sich so für eine kurzen Zeit mit ihr vereinigt. In solchen Momenten wünschte sich Sasha den Mut, seine jeweilige Lernpartnerin sanft zu umarmen und auf Nacken und Hals zu küssen. Seine Sehnsucht nach körperlicher Nähe wuchs, aber nie hatte er es sich getraut, dem Wolf in sich die Führung zu überlassen. Er wollte das Vertrauen seiner Freundinnen nicht enttäuschen und nicht Gefahr laufen, seinen Status bei ihnen zu verlieren.

Einen Status der es Sasha erlaubte, an den Unternehmungen der Mädchen teilnehmen zu dürfen. Er wurde in ihre Gespräche eingebunden und in viele Geheimnisse eingeweiht, aber er wurde eben auch als harmlos angesehen.

Die Jungen beneideten Sasha um seine Vertrauensstellung bei den Mädchen, nahmen ihn aber als männlichen Konkurrenten nicht ernst. Er war für alle ein netter Klassenkamerad und für manche sogar ein guter Freund. Einer, den jeder mochte und dem keiner etwas Böses wollte. Er war das, was die anderen in ihm sahen. Ein Neutrum zwischen den Geschlechtergruppen.

Das Sasha sich an der Drogeriemarktkasse wiederfand, war seiner ungewöhnlichen Leidenschaft geschuldet. Er hätte nicht sagen können, seit wann sie ihn verfolgte, und er wusste nicht warum er ihr verfallen war. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er seinem Begehren auch nicht nachgegeben, aber irgendetwas in ihm war stärker. Sein Wille allein war einfach nicht ausreichend, um sich seine Gedanken zu verbieten, und nicht selten verfluchte er sich für seine Schwäche. Es war falsch, da war er sich sicher, aber zumindest in den Momenten, in denen er seiner Lust nachgab, war ihm das egal.

Auch wenn Sasha mit seinen 17 Jahren noch keine sexuellen Erlebnisse mit dem anderen Geschlecht gemacht hatte, so war er doch alles andere als asexuell. Wie jeder Mensch, so hatte auch Sasha seine ersten intimen Erlebnisse mit sich selbst, und wie bei jedem Menschen, griff seine Fantasie dabei auf erotische Vorstellungen zurück. Dass sich seine Fantasien von Beginn an nur um die Beine von Frauen drehten, von Nylon verhüllten Frauenbeinen, hatte Sasha bislang nicht beunruhigt. Er versuchte auch nie zu ergründen, warum der Gedanke an bestrumpfte Frauenbeine in ihm eine derartige sexuelle Erregung auslöste, warum er regelrecht auf dieses Detail fixiert war.  Sein Faible war ein Teil von ihm, es beflügelte seine Vorstellung und Sasha genoss die Momente. Mehr interessierte ihn zunächst nicht daran.

Er liebte das Geräusch, wenn zart bestrumpften Beine aneinander rieben, wenn Frauen in lautlosen Wartezimmern ihre Beine übereinanderlegten und ihre Schenkel unter den Röcken dabei knisternd aneinander rieben. In öffentlichen Verkehrsmitteln suchte Sasha gezielt nach freien Plätzen in unmittelbarer Nähe zu Frauen, die Röcke oder Kleider trugen und deren Beine bestrumpft waren. Dabei spielte Alter, Figur oder Aussehen der Frauen nur eine untergeordnete Rolle. Ihn interessierten vor allem ihre von Nylon umschmeichelten Beine, an denen er sich nicht sattsehen konnte.

Am Vorabend seines Besuchs in der Drogerie hatte Sasha ein einschneidendes Erlebnis, die zu einer Erkenntnis wurde.

Es war nicht das erste Mal, dass Sasha auf seinem Laptop nach Inspirationen seiner Leidenschaft gegoogelt hatte. Das Internet war längst zu einem Fundus seiner Fantasien geworden und für ihn der einzige Weg, sein Kopfkino gegen reale Bilder zu tauschen. Immer häufiger suchte er im Netzt nach Fotos und Filmen von Frauen, die seinem Verständnis von Erotik entsprachen. Dabei galt Sashas Suche gezielt denen, die etwas molliger waren und in Nylonstrumpfhosen posierten. Anfangs war er sehr überrascht, was für ein Überangebot ihm seine Suchbegriffe auf den Monitor zauberten. Er wurde zum Voyeur und sein Bildschirm zu einem Fenster, das ihm erlaubte, unerkannt in eine Welt voller seiner Traumfrauen blicken zu können. Ein Fenster, welches er nach Belieben öffnen und wieder schließen konnte.

Gestern Abend aber, Sasha lag mit dem Laptop auf der Decke in seinem Bett und suchte auf seinen Lieblingsseiten nach inspirierenden Filmen, sah er einen Film der letztlich zu einer Initialzündung für ihn wurde.

Auf dem Bildschirm zeigte sich ein Pärchen, bei dem beide nur eine schwarze Strumpfhose trugen. Beide, also auch der Mann. Und obwohl er sehr muskulös war, empfand Sasha die Strumpfhose an ihm nicht als lächerlich. Die schlanke Blondine mit ihren unnatürlichen Silikonbrüsten, wäre für ihn eigentlich ein Grund zum wegklicken gewesen, aber er sah den beiden weiter fasziniert zu. Nicht die Handlung an sich erregte Sasha, sondern vor allem die Tatsache, dass auch der männliche Darsteller in diesem Film eine Strumpfhose trug. Sasha verfolgte das Treiben und unbewusst befriedigte er dabei seine aufsteigende Lust. Mit starrem Blick auf den Monitor erlebte er seinen Höhepunkt, aber anders als sonst, hielt Sashas Lust an und sein schlechtes Gewissen blieb zum ersten Mal aus.

Viele Gedanken und Emotionen kreisten in Sashas Kopf und er klickte die Pausentaste, worauf die Szenerie auf dem Bildschirm eingefroren wurde. Es dauerte etwas, bis er wieder klar denken konnte, wonach er versuchte, das Geschehen auf dem Monitor zu verarbeiten und für sich einzuordnen. Ein Mann, der beim Sex eine Strumpfhose, trug war Sasha völlig neu.  Für ihn war der Film wie eine Bestätigung seiner Leidenschaft, denn offensichtlich war er kein Einzelfall. Anscheinend gab es noch viele andere Männer, die seine Vorliebe teilten und sogar noch weiter gingen, als er es sich traute. Männer, die den Mut hatten, ihre Fantasien wahr werden zu lassen.

„Nicht unbedingt dieser Pornodarsteller“, dachte Sasha. „Der hätte für genug Geld nach jedem Drehbuch gefickt. Aber die, die sich so etwas ansehen. Alles geschieht nach Angebot und Nachfrage. Und wenn jemand das Angebot von Filmen über Sex mit Männern in Strumpfhosen macht, dann muss es einen großen Kreis anderer geben, die damit ihre Nachfrage befriedigen.“

Sasha wusste jetzt, dass er mit seiner ungewöhnlichen Veranlagung nicht allein war. Ein Gedanke, der ihn beruhigte, aber auch zufrieden und mutig machte. Nicht, weil er Männer in Nylons erregend fand. Das, da war Sasha sich sicher, war bestimmt nicht der Fall. Aber seine Schlussfolgerung daraus machte ihn glücklich.

„Was mir gefällt ist nicht abartig, sondern lediglich der Geschmack einer Minderheit. Es tut niemandem weh und ist nicht verboten. Ich darf so sein, wenn auch nur heimlich und für mich allein“, leitete er daraus ab.

Sasha fuhr seinen Laptop herunter und ging leise ins Bad. Seine Mutter schlief anscheinend schon. Nachdem er sich die Spuren seines Erlebnisses abgewaschen hatte, sah er auf der Wäscheleine, die über der Wanne gespannt war, unter anderem auch eine frischgewaschene Strumpfhose seiner Mutter hängen. Ein eigentlich alltäglicher Anblick mit dem er seit jeher konfrontiert war. In diesem Moment aber musste Sasha mit sich kämpfen, sie nicht mit in sein Zimmer zu nehmen. Sein Anstand gewann die Oberhand und Sasha war froh, der Verführung widerstanden zu haben.  

Nach einer unruhigen Nacht erinnerte sich Sasha beim Aufwachen sofort an den gestrigen Abend und noch beim Frühstück fasste er einen Entschluss.

„Ich will es jetzt endlich wissen. Ich will wissen, wie sich so etwas auf der eigenen Haut anfühlt, wie es ist, eine Strumpfhose anzuhaben“, dachte er und nahm sich vor, seine Sehnsucht noch am selben Tag zu erfüllen. Er war bereit, einen weiteren Schritt zu gehen.

„Träumst du?“, wurde er von seiner Mutter aus den Gedanken gerissen. „Ich habe dich gefragt, ob heute etwas Wichtiges ansteht. Ob ihr eine Klausur schreibt“, widerholte Beate.

„Nein, nichts Besonderes“, antwortete Sasha gelangweilt. Er hatte Mühe, seine Aufregung zu verbergen.

Wenig später verabschiede sie Sasha und wünschte ihm viel Spaß. Für Sasha längst eine gängige Floskel und wie der obligatorische Abschiedskuss, ohne tieferen Sinn. Aber dieses Mal dachte er: „Wenn du wüsstest, wie ich mir meinen Spaß heute vorstelle, wärst du vermutlich nicht begeistert.“

 

 

2

     

Die Sonne deutete ihre Kraft schon am frühen Morgen an und versprach einen weiteren schönen Maitag. Das heitere Wetter passte zu Sashas Gemütslage. Lächelnd saß er im Linienbus, der ihn durch den hannöverschen Stadtverkehr in Richtung seiner Schule fuhr. Am Lister Platz stieg er aus, von wo er noch fünf Minuten zu Fuß hinter sich bringen musste.

Die Begrüßungen seiner Mitschüler nahm er nur am Rande wahr und erwiderte sie lediglich mit dem Nötigsten. In seinen Gedanken gefangen, war ihm nicht nach dem üblichen Austausch, zu ihn momentan nicht interessierenden Themen. Sasha war an diesem Vormittag nur von seinem persönlichen Thema gefesselt. Den gesamten Vormittag wartete er auf das Ende der sechsten Stunde und damit auf den Moment, an dem er den ersten Schritt seines Vorhabens angehen konnte.

Wie seiner Schwester schon vor ihm, so fiel auch Sasha die Schule leicht. Er war ein sehr guter Schüler und hatte keinerlei Probleme mit den Lerninhalten. Sein Weg zu einem erfolgreichen Abitur schien keine Hürden aufzuweisen, die ihm nennenswerte Schwierigkeiten machen würden. Für ihn ging es eigentlich nur um die Maximierung der Qualität seines Abschlusses, aber an diesem Tag fiel es ihm überaus schwer, dem Unterricht zu folgen.

Anstatt sich auf den Unterrichtsstoff zu konzentrieren, malte er sich wieder und wieder den weitern Tagesablauf, nach seinem Schulschluss aus. Je weiter die Uhr vorrückte umso flauer wurde ihm. Ein Gefühl, als wenn man in der Schlange einer Achterbahn ansteht. Es war die Art von Vorfreude, welche sich auf den Magen niederschlägt.

„Ich werde es durchziehen, heute werde ich es endlich machen“, dachte er unentwegt.

Sasha erinnerte sich an Momente seiner Vergangenheit, bei denen er schon damals die Hoffnung auf Erfüllung seiner Begierde hatte. Zwei Jahre zuvor, drei Wochen vor Karneval, fragte ihn seine Mutter nach seinem Kostümwunsch für die Schulfeier, und er überlegte nicht lange. Ihm bot sich dadurch die langersehnte Gelegenheit, erstmals eine Strumpfhose anziehen zu können.

„Sie selbst würde ja dafür Sorge tragen und mir eine kaufen“, dachte er damals hoffnungsvoll, und wie aus der Pistole geschossen antwortete er: „Ich möchte als Robin Hood gehen.“ Oft schon hatte er den mittelalterlichen Helden und seine Gesellen um ihre Beinkleider beneidet, wohl wissend, dass es damals noch gar kein Nylon oder ähnliches Material gegeben hatte.

Beate fand die Idee gut und nähte ihm ein entsprechendes Kostüm, aber Sasha war bitter enttäuscht, als er es das erste Mal anprobieren sollte.

„Das ist so nicht realistisch, Mama. Nicht ohne Grund bezeichnete man Robin und sein Gefolge doch als Helden in Strumpfhosen.“

Seine Mutter hatte ihm eine braune Hose geschneidert. Seinen Protest, dass er so nicht nach Robin Hood aussehen würde, tat sie mit einer Bemerkung auf die Gefahr einer Erkältung ab.

„Es ist im Februar zu kalt dafür, und ich möchte nicht, dass du krank wirst. Daher wirst du eine richtige Hose tragen. Außerdem hatte Robin, wenn er denn wirklich so schlau war, im Winter bestimmt auch immer eine warme Hose getragen.“

Er fügte sich ihrem Wunsch, schob seinen weiter auf und wollte auf eine andere Gelegenheit warten.

In der zehnten Klasse nahm Sasha an der Theater AG seiner Schule teil. Es wurde Shakespeares Romeo und Julia geprobt, aber er bekam keine der ihm begehrlich erschienenen Rollen. Weder den Romeo, noch einen der männlichen Nebendarsteller durfte er besetzen. Sasha wurde von seinem Lehrer zum Regieassistenten auserkoren und hatte somit nicht das Glück, in einer der Rollen eine Strumpfhose anziehen zu dürfen.

Mehrmals wurde er an diesem Tag von Denise, seiner besten Freundin und zugleich Sitznachbarin angestoßen, während er in seinen Gedanken wandelte. Ihr war schnell aufgefallen, dass Sasha nicht ganz bei der Sache war. Sie sprach und stupste ihn an, aber jedes Mal versank er wenig später wieder in seinen Träumen und Erinnerungen.

„Geht es dir gut? Du bist heute irgendwie anders“, fragte Denise ihn in der großen Pause.

„Alles gut, wirklich. Ich bin nur etwas unkonzentriert. Vielleicht, weil ich schlecht geschlafen habe. Wir haben bestimmt Vollmond“, begründete Sasha seiner Freundin sein ungewohntes Verhalten.

„Und dann treibst du dich nachts draußen herum und jaulst den Mond an, anstatt zu schlafen?“, fragte sie belustigt, wurde dann aber wieder ernst. „Du warst noch nie so. Wenn du irgendwelche Sorgen hast, kannst du sie gerne mit mir teilen. Ich merke doch, dass dich etwas bedrückt, oder zumindest ablenkt.“

Er wollte sich niemandem, auch Denise gegenüber weder erklären, noch rechtfertigen. Aber er konnte ihre Sorge um ihn auch nicht unkommentiert im Raum stehen lassen.

Nadja, eine andere Mitschülerin, unterbrach das Gespräch der beiden. „Sasha, hast du heute Zeit? Ich bräuchte zur Vorbereitung auf die Matheklausur noch Unterstützung. Das mit der Differential- und Integralrechnung kapiere ich irgendwie nicht.“

Anstatt nun fadenscheinig auf Denise einzugehen zu müssen, war er Nadja für die unverhoffte Unterbrechung dankbar. Sie entsprach mit ihrer ausgeprägten Weiblichkeit Sashas Idealen und er hatte schon oft und gerne mit ihr für die Schule gebüffelt. Nicht aber an diesem Tag, nicht dieses Mal.

„Im Prinzip ja, gerne, aber heute geht es leider nicht. Tut mir wirklich leid“, lehnte er Nadjas Nachfrage entschuldigend ab. „Meine Mutter will umräumen und braucht dabei meine Hilfe beim Möbelrücken“, log er und vertröstete Nadja auf ein anderes Mal. Sasha hatte an diesem Tag Wichtigeres zu tun.

Die Pausenglocke rief zum Unterricht und Sasha blieb fürs Erste vor weiteren, ihm unangenehmen Fragen durch Denise verschont.

Selten hatte er den Schulschluss sehnlichster erwartet und nach seinem Empfinden kroch die Zeit geradezu. Schon Minuten vor dem Unterrichtsende hatte Sasha seine Sachen fertig verpackt.  Als dann endlich die Glocke die letzte Stunde beendete, entwickelte er ein, seinen Mitschülern ungeahntes Tempo, um den Klassenraum und die Schule zu verlassen. Schnellen Schrittes war er weit vor allen anderen die Treppe seiner Schule heruntergehastet, und Denise sah ihm kopfschüttelnd hinterher, wie er den Bonifaziusplatz in Richtung der Lister Meile entlangeilte. Er wollte seinen Plan unverzüglich in die Tat umsetzen.

Wenig später erreichte Sasha die Lister Meile, eine 1.600 Meter lange Fußgängerzone, welche den Bahnhof mit dem Lister Platz verbindet. Dort, so dachte er sich, würde er in einem der vielen Geschäfte sicher das Richtige finden, aber auch anonym bleiben.

Vor einem Drogeriemarkt, den er sich für sein Vorhaben ausgesucht hatte, musste Sasha noch einmal tief durchatmen und sich beruhigen.

„Ich mache nichts Verbotenes. Ich bin nur ein Kunde und will etwas ganz normales kaufen“, sprach er sich den notwendigen Mut zu und betrat den Markt. Ein Schritt, den er sich reiflich überlegt hatte, und der trotzdem im Nachhinein so viele Veränderung mit sich brachte.

Während er den Laden betrat streifte Sashas Blick hektisch durch die Gänge. Er zählte dabei ein halbes Dutzend Kunden und war nicht weiter verwundert, dass es ausnahmslos Frauen waren. Wohler fühlte er sich dadurch nicht. Im Gegenteil, er kam sich fehl am Platz vor und überlegte kurz, sein Vorhaben doch lieber abzubrechen, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Stattdessen redete sich Sasha erneut Mut zu und durchstreifte die Gänge, auf der Suche nach dem Objekt seiner Begierde. Nur Augenblicke später fand er das Regal mit den Strumpfhosen, jedoch stöberte dort gerade eine junge Frau und Sasha traute sich nicht neben sie zu treten. Es war ihm unangenehm, neben ihr seine Auswahl treffen zu müssen, daher wartete er lieber in sicherer Entfernung und begutachtete stattdessen Deosprays. Wieder kamen Sasha die Sekunden wie Minuten vor, und er befürchtete, dass sie seine heimlichen Blicke bemerken und fehldeuten könnte. Das sie ihn für einen Spanner halten könnte, der sich an ihrem intimen Einkauf erregen wollte. Aber auch eine richtige Interpretation seiner Blicke wäre ihm nicht angenehmer gewesen. Er wollte nicht auffallen, redete sich aber ein, dass ihm sowieso jede Frau im Geschäft sein schlechtes Gewissen vom Gesicht ablesen konnte.

Nachdem die Kundin das passende für sich gefunden hatte und den Gang in Richtung der Kassen verließ, ohne von Sasha auch nur die geringste Notiz genommen zu haben, beruhigte er sich etwas und übernahm ihren Platz vor dem Regal seiner Sehnsüchte.

Da sich die Kassen genau in Verlängerung zum betreffenden Regalgang befanden, konnte er sowohl die dort arbeitende Mitarbeiterin, als auch die Kundinnen sehen, die an der Kasse anstanden. Sasha hoffte, dass er auch weiterhin niemandem auffallen würde. Sein Interesse richtete sich nun auf das reichhaltige Sortiment im Regal.

„Was für eine Auswahl“, dachte er. „Vielleicht hätte ich mich besser vorbereiten und vorher im Internet informieren sollen. Aber ohne Strumpfhose werde ich die Drogerie keinesfalls wieder verlassen.“

Am Regal sah er eine Musterstoffsammlung hängen, an der man die verschiedenen Stärken ertasten konnte. Er entschied sich für die 20 DEN, da das Muster zwischen seinen Fingern bei ihm das angenehmste Gefühl hervorrief. Vor allem beim Ertasten der Proben schielte er wiederholt in Richtung der Kassiererin. Er hatte den Eindruck, dass sie ihn beobachtete. Wenn er aber verstohlen in ihre Richtung sah, war sie mit dem Kopf seitlich zu ihm gerichtet und mit ihrer Arbeit beschäftigt.

Es gab eine Unzahl an verschiedenen Farbentönen, wobei Sasha neben dem unverzichtbaren schwarz auch die natürlichen Farbtöne sehr gefielen. Hauttöne, die die eigene Körperfarbe nur positiv unterstrichen. Mandel wurde dabei zu Sashas Favorit.

„Was muss ich bei der Auswahl jetzt noch berücksichtigen?“, fragte er sich, während seine Aufregung ihm weiterhin zu schaffen machte.

Um die richtige Größe herauszufinden, waren auf den Rückseiten der Packungen Tabellen aufgedruckt. Passend zu seiner Statur entschied Sasha sich für 40-42.

Wieder hatte er das Gefühl beobachtet zu werden. Jedoch versuchte er es zu ignorieren und hoffte, dass es nur Einbildung sein würde.

„So muss sich vermutlich auch ein Ladendieb fühlen“, dachte Sasha verunsichert und fuhr mit der weiteren Auswahl fort.

Er entschied sich für unverstärkte Exemplare, die ein durchgehendes Maschenbild ohne Slipteil versprachen. Als letztes hatte er noch die Wahl zwischen glänzend und matt zu treffen.

„Das ist leicht“, sagte er zu sich. Matte und pudrige strahlten in seinen Augen einen etwas großmütterlichen Charme aus, und seine Wahl waren die glänzenden.

Nach mehreren Minuten, eine an sich schon immense Zeitspanne, hatte Sasha seine Auswahl getroffen. Ihm kam es aber vor, als ob er eine Viertelstunde für seine Entscheidung gebraucht hatte. Er nahm gleich zwei Stück, eine mandelfarbene und eine schwarze.

Nun konnte Sasha den ersehnten Kauf endlich abschließen und ging etwas erleichtert den Gang zur Kasse hinunter. Dort angekommen musste er hinter zwei Kundinnen abwarten, bis die Reihe an ihm war. Dabei brannten ihm die beiden Päckchen förmlich in den Fingern und seine Hände wurden heiß und schwitzig. Seine gerade verspürte Erleichterung wich erneuter Anspannung, und er spürte, wie sein Kopf rot wurde.

Ohne etwas zu sagen und mit leichtem zittern der Hände, legte Sasha der hübschen Kassiererin die Strumpfhosenpakete zum Einscannen auf das Kassenband. Sie war etwa Anfang zwanzig, sehr weiblich, mit langen brünetten Haaren und einem Pony, der knapp über ihren braunen Augen endete.  Hinter ihm standen mittlerweile drei weitere Kundinnen.

Die Kassiererin sah ihn direkt an und fragte freundlich, fast übertrieben freundlich: „Ist das alles? Du hast nur die beiden Damenstrumpfhosen?“

Sasha wollte eigentlich nur „Ja“ sagen, fing aber gleich darauf an, seinen Einkauf zu rechtfertigen. „Meine Mutter hat mich geschickt. Sie muss heute Abend weg und hat keine mehr. Darum kaufe ich die, denn meine Mutter hat gerade keine Zeit.“

Mit dieser überflüssigen und fast panisch herausgepressten Begründung, zudem noch mit hochroten Ohren, war er ein gefundenes Fressen für die nun lächelnde Frau.

„Bist du sicher, dass du die richtigen Strumpfhosen gefunden hast? Bei der großen Auswahl an Damenstrumpfhosen kann man ja selbst als Frau schon durcheinanderkommen, und du schienst ja auch lange unentschlossen. Nicht dass du ihr die falschen Strumpfhosen bringst und dann zum Umtausch wieder losmusst. Strumpfhosen sind schon eine kleine Wissenschaft und deine Mutter wird bei ihren Strumpfhosen sicherlich keine Kompromisse machen.“

Nun wusste Sasha genau, dass er der jungen Frau doch aufgefallen war, und war mit der Gewissheit ertappt worden zu sein, noch mehr als eh schon verunsichert. Jedes Mal, wenn sie das Wort Strumpfhose benutzte, und das tat sie übertrieben oft, fühlte es sich für ihn wie ein Peitschenhieb an. Er wich ihrem Blick aus und senkte peinlich berührt seinen Kopf, wodurch er unbeabsichtigt hinter den Kassentresen und somit auf die Beine der auf ihrem Stuhl sitzenden Kassiererin sah. Er starrte auf ihre wohlgeformten Schenkel, die von dem kurzen Rock gerade knapp zur Hälfte bedeckt wurden und war nicht mehr in der Lage zu antworten. Was hätte er auch sagen sollen? Er hatte in seiner Aufregung und beim Anblick ihrer, in bronzenem Nylon verhüllten Beine ja gar nicht verstanden, was sie ihn gefragt hatte.

Die Dame hinter Sasha mischte sich ein, indem sie die Kassiererin ansprach. „Nun bringen Sie uns mal den jungen Mann nicht durcheinander. Er wird ja schon ganz rot.“

Sasha wollte nur raus, die Drogerie möglichst schnell wieder verlassen und er erinnerte sich wieder an die Frage der Kassiererin. Wenig überzeugend erwiderte er: „Das sind ganz bestimmt die richtigen, ich bin mir sicher.“

Daraufhin lächelte ihn die Kassiererin wieder an. „Wenn du meinst, dass es die richtigen sind, dann wirst du sicher recht haben. Schließlich wirst du es wohl am besten wissen. Du und deine Mutter natürlich.“ Dabei betonte sie die jedes „Du“ auffallend deutlich.

Nach dem Bezahlen und Verstauen der Beute in seinem Schulrucksack, schenkte sie ihm ein weiteres Lächeln und entließ Sasha damit aus seiner höchst peinlichen Situation.  Er hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass er erwischt worden war und sie ein böses Spiel mit ihm getrieben hatte.„Wahrscheinlich hatte sie mich doch die ganze Zeit vor dem Regal beobachtet“, dachte er und hängte sich seinen Rucksack wieder um.

Als er dann schleunigst den Laden verlassen wollte, gab es an der Tür einen schrillen Alarmton. Sein Herz rutschte ihm fast in die Hose, sein Puls raste und er blieb wie angewurzelt stehen. Eine strenge Stimme ertönte laut und fordernd.

„Kommst bitte mit deinen Strumpfhosen noch einmal zurück“, wies ihn die Kassiererin an und spätestens jetzt, nach einem weiteren Peitschenhieb, wusste jeder im Laden was Sasha dort gekauft hatte.

Er folgte ihrer unmissverständlichen Anweisung und ging widerwillig zurück, an die Kasse.

„Ich habe nichts geklaut, ganz ehrlich. Das muss ein Fehlalarm sein“, verteidigte er sich.

„Gib mir bitte noch einmal die beiden Strumpfhosen“, bat sie freundlich, aber bestimmend und schlug dabei schon wieder mit der verbalen Peitsche zu.

Nervös und zitternd holte er die kleinen Kartons aus seinem Rucksack und die Kassiererin nahm sie ihm aus den Händen. Dabei legte sie für einen kurzen Moment ihre Finger über seine, glitt beim Zurückziehen darüber und sagte freundlich „Danke“.

Sashas Zittern hörte mit ihrer Berührung augenblicklich auf. Dann zog sie die, auf den Verpackungen aufgeklebten elektronischen Diebstahlsicherungen über die Entsicherungsplatte, und es piepte zweimal.

Wieder lächelte sie ihn an und Sashas Blick haftete auf ihren vollen Lippen. „Entschuldige bitte. Das Entsichern habe ich wohl vergessen. So etwas passiert mir eigentlich nur sehr selten und ich habe das ganz bestimmt nicht aus Absicht vergessen.“

Aber ihre Augen verrieten sie, und vermutlich war das auch so von ihr gewollt. Natürlich war das kein Versehen gewesen. Sie hatte offensichtlich Spaß daran die Situation auszukosten und nutzte die Möglichkeit, Sasha in seiner peinlichen Lage noch ein Stück mehr zu quälen. Sie ließ ihn damit wissen, dass sie ihn durchschaut hatte, obwohl ihm das, trotz ihrer subtilen Art ja längst klar gewesen war. Das einzig Gute war aus seiner Sicht, dass sie ihn nicht auch noch offen beleidigte aber es schmerzte ihn, wie sie sich über ihn lustig machte.

„Nun wirst du vermutlich ohne Probleme mit deinen Strumpfhosen nach Hause gehen können“, entließ sie ihn ein zweites Mal, wobei sie dabei wieder besonders betonte, dass es sich um seine Strumpfhosen handelte.

Ohne ein weiteres Wort aus seinem inzwischen ausgetrockneten Hals zu bekommen, verließ Sasha endlich die Drogerie. Er hatte sich seinen Einkauf anders vorgestellt und hätte sicher nie diesen Markt betreten, wenn er vorher die Peinlichkeiten hätte erahnen können.

Irgendwie hatte ihn die Situation aber auch erregt, trotz oder vielleicht auch aufgrund der Peinlichkeiten. Anstatt schnellstmöglich den Tatort wieder zu verlassen, blieb Sasha vor dem Schaufenster der Drogerie stehen. Er sah die Verkäuferin von schräg hinten an ihrem Arbeitsplatz sitzen, wie sie gerade einen Kassenvorgang beendete. Sie schaute der Kundin hinterher und für einen kleinen Augenblick kreuzten sich ihre Blicke. Sasha war sich nicht sicher, ob sie ihn dabei wahrgenommen hatte. Schließlich befand sich die mit diversen Schriftzügen und Plakaten beklebte Fensterscheibe zwischen ihnen.

Da jetzt keine Kundin mehr zu bedienen war stand sie auf, umrundete ihre Kasse und ordnete den Zigarettenständer. Sie war eher klein, vielleicht etwas über eins sechzig und er genoss ihren Anblick. In seinen Augen bildete ihre eher kleinen Figur eine perfekte Ausgewogenheit zu ihrer ausgeprägten Weiblichkeit.

„Diese Frau ist nicht mollig, sie hatte nur etwas mehr von allem, was eine richtige Frau erst ausmacht“, dachte Sasha sich bei ihrem Anblick und verfolgte fasziniert jede ihrer Bewegungen.

Um an die oberen Sortierfächer zu gelangen, musste sie sich über das Kassenband lehnen, die Arme nach oben strecken und auf die Zehenspitzen ihrer weißen Espadrilles stellen. Dabei hob sich der Rock und offenbarte einen großzügigen Blick auf ihre Oberschenkel. Das weiße T-Shirt mit dem Logo der Drogeriekette spannte stramm über ihren Brüsten, während sich auf dem Rücken der BH unter dem Baumwollstoff abzeichnete. Sie nestelte einen Moment im obersten Fach, um dann zu einem nahegelegenen Regal zu gehen. Dort bückte sie sich, ohne aber die Knie zu beugen.

Mit gestreckten Beinen und den Rücken ihrem Beobachter zugewandt, sortierte sie Haarspraydosen im untersten Regalboden. Der Rock hob sich dabei noch höher als vorher und spannte eng über ihren Po. Sie hatte zwar keinen wirklich kurzen Minirock an, aber in dieser Position endete er nur ein paar Fingerbreit unter den Pobacken.

Wie paralysiert sah er ihr zu, bis sie sich, da ein Kunde zur Kasse kam, wieder aufrichtete und umdrehte. Sie umrundete die Kasse, und blickte Sasha dabei direkt ins Gesicht.

Er wollte, konnte aber nicht wegschauen und sah, wie sie ihm mit einem Auge zuzwinkerte.

„Sie hat die ganze Zeit gewusst, dass ich sie beobachte. Sie hat sich absichtlich so bewegt und gestreckt, nur um mich zu provozieren“, wurde es Sasha bewusst.

Er fühlte sich zurecht ertappt, wandte sich schnell vom Schaufenster ab und ging verunsichert zur Bushaltestelle. Während Sasha am Lister Platz auf seinen Bus wartete, war er in Gedanken an sein Erlebnis vertieft. Wie in Trance stieg er kurz darauf ein und setzte sich auf den nächstgelegenen freien Platz. Seit langem das erste Mal, ohne vorher die weiblichen Fahrgäste auf bestrumpfte Beine zu inspizieren.

Während der Fahrt schloss Sasha die Augen und rief sich die Bilder in Erinnerung. Das hübsche Gesicht der Verkäuferin, ihre perfekten Rundungen und ihr aufreizendes Verhalten. Natürlich gab es unzählige hübsche und wohlgeformte Frauen. Und sie war gewiss auch nicht die einzige, nach Sashas Verständnis von Schönheit, nahezu perfekte Frau. Aber was gerade diese Frau für ihn so besonders machte war, dass sie ihn wahrgenommen und bewusst gereizt hatte. Er machte sich keine Illusionen und wusste, dass es nicht an ihm als Person, an ihm als Mann lag. Der Grund für ihr Verhalten war nur die Situation und die Gelegenheit, die Sasha ihr geboten hatte. Er war eine willkommene Ablenkung von ihrer täglichen Routine gewesen, und sie hatte ihren Spaß mit ihm gehabt.

„Trotzdem, sie hat vor mir posiert und mir eine Show geboten. So schamlos, wie es ihr unter den Umständen möglich war“, dachte er zufrieden. Somit hatte Sasha von ihr eine Gegenleistung für seine erlittenen Qualen bekommen und war letztlich sogar froh über alles.

 

 

3

 

Zwanzig Minuten später, es war gegen halb drei, stieg Sasha in der Südstadt aus dem Bus und ging eilig die kurze Strecke zu seinem Wohnhaus. Mittlerweile dachte er nicht mehr an die hübsche Verkäuferin, durch deren Anspielungen er sich, vor nicht einmal einer Stunde bloßgestellt und erniedrigt gefühlt hatte. Stattdessen lag sein Focus auf den gerade gekauften Strumpfhosen in seinem Rucksack und der sehnsüchtigen Erwartung darauf, sie endlich anprobieren zu können. Er war in Vorfreude darauf, seinen Wunsch in die Tat umzusetzen.

Erwartungsgemäß war niemand da, als Sasha die Wohnung betrat. Seine Mutter war um diese Zeit noch auf der Arbeit, und für gewöhnlich nie vor fünf zurück. Sie verdiente ihr Geld von montags bis freitags in einem Autohaus, wo sie seit einigen Jahren als Bürokraft angestellt war. Sina, Sashas Schwester, hatte zugunsten ihres Studiums ihren Lebensmittelpunkt mittlerweile nach Oldenburg verlegt, wo sie in einer Wohngemeinschaft ein Zimmer hatte. Sie war mehr oder weniger ausgezogen, übernachtete aber bei ihren gelegentlichen Besuchen weiterhin in ihrem unveränderten Zimmer.

Sasha wollte keine weitere Zeit verschwenden, warf seinen Rucksack aufs Bett und schloss die Vorhänge in seinem Zimmer. Die Wohnung lag im Erdgeschoss eines Mietshauses, und er wollte bei seinem Vorhaben natürlich nicht von der Straße aus gesehen werden. Anschließend nahm er die kleinen Päckchen aus seinem Rucksack und legte sie sacht, wie einen Schatz auf das Bett. Sein Herzschlag klopfte heftig und sein Mund war vor Aufregung wieder ausgetrocknet.

Obwohl Sasha es im Grunde nicht erwarten konnte, endlich seiner Lust nachzukommen, überstürzte er nichts. Er wollte den Vorgang zu einer Prozedur, eher noch zu einer Zeremonie machen. Ein Moment, an den er sich als einen ganz besonderen erinnern wollte.

Das Ausziehen seiner Kleidung vollzog er langsam und bedächtig. Nie zuvor hatte er seine Sachen so ordentlich über die Lehne seines Schreibtischstuhls gehängt, wie zu diesem Anlass. Seine Mutter, so dachte er, wäre darüber sicher stolz auf ihn gewesen, zumindest, solange ihr der Hintergrund seiner Ordnung unbekannt blieb.

Vorsichtig packte er die erste Strumpfhose aus, faltete sie andächtig auseinander, besah und ertastete das Material und roch sogar daran. Er schob er sein erstes Bein hinein, aber der ungeübte Versuch misslang und die mandelfarbene Strumpfhose war augenblicklich zerstört. Ohne jegliche Erfahrung mit einem derartigen Kleidungsstück, hatte Sasha sein Bein einfach reingesteckt, ähnlich wie er es bei einer Jeans machte. Dabei verhakte sein großer Zeh und da er mit den Händen weiterzog, riss ein großes Loch in das Nylon. Es bildeten sich unter der Spannung mehrere Laufmaschen, die das Bein herunterliefen und die Strumpfhose somit ruinierten.

„Scheiße“, dachte er und war über seine Fahrlässigkeit verärgert. „Eigentlich hätte es mir ja klar sein müssen, dass ein so feiner Stoff auch sehr schnell zerreißen kann.“

Mit der schwarzen wollte Sasha vorsichtiger umgehen, da er ja keinen weiteren Ersatz mehr hatte. Um auf Nummer sicher zu gehen, unterbrach er die Zeremonie, setzte sich an seinen Laptop und googelte nach „Strumpfhose richtig anziehen.“ Das Internet weiß ja angeblich alles und Sasha wurde nicht enttäuscht. Schnell erkannte er, was er falsch gemacht hatte. Sein Fehler war, dass eine Strumpfhose über das Bein gezogen, nicht das Bein in die Strumpfhose gesteckt werden sollte. Mit diesem Wissen startete er einen weiteren Versuch, packte seinen zweiten und letzten Schatz aus, setzte sich auf das Bett und streifte sich das zarte Nylonbeingewebe über seine Beine. Unübersehbar gefiel ihm das weiche und verbotene Gefühl auf seiner Haut, da sich die in seinem Kopf längst vorhandene Erregung sich nun auch optisch, in seinen Lenden bemerkbar machte.

Auch wenn Sashas Penis nicht sonderlich groß war, wuchs er unter dem Gefühl des weichen Nylons unverzüglich zu seinen vollen Ausmaßen. Obwohl es ihm schwerfiel zwang er sich dazu, seiner körperlichen Lust nicht nachzugeben, um den Moment möglichst lange auskosten zu können.

Sein neues Kleidungsstück saß sehr eng und für Sasha fühlte sich die Strumpfhose wie eine zweite Haut an.  Er empfand es als sehr angenehm, und mehr denn je beneidete er in diesem Moment diejenigen, denen man gestattete, was ihm doch eigentlich verboten war. Er beneidete die Frauen, denn seine Empfindungen übertrafen alle seine Erwartungen.

Als Sasha sich über seine zart verhüllte Haut streichelte, schien jeder einzelne Nerv maximale Impulse an sein Gehirn zu senden. Er bewegte seine Schenkel aneinander und registrierte zufrieden das gleiche elektrisierte Knistern, wie wenn eine Frau in seiner Nähe ihre Beine übereinanderlegte. Aber in diesem Augenblick war es lauter, intensiver und noch erregender für ihn, und er lächelte zufrieden. Seine Erwartungen waren übertroffen worden und Sasha war froh, dass er die Peinlichkeiten in der Drogerie ertragen hatte, ohne den Einkauf abzubrechen. Nicht nur durch das neuartige Gefühl, auch optisch fand Sasha Gefallen an der Damenstrumpfhose. Die gleichmäßig schwarze Farbe des dünnen, durchscheinenden Materials und das feine Maschenbild schmeichelte seinen schlanken Beinen und ließen sie fast schon weiblich erscheinen. Nun wollte Sasha sich auch in der Totalen betrachten.

Im Schlafzimmer seiner Mutter sah er sich in der Spiegeltür ihres Kleiderschranks an. Zwar wirkte das Bild auf ihn einerseits befremdlich, aber trotzdem fand er sich durchaus attraktiv. Bei seinem Anblick fühlte Sasha sich tatsächlich ein bisschen wie eine Frau, und es fühlte sich für ihn gut an. Nichts in ihm wehrte sich gegen das ungewohnte Spiegelbild oder seine ungewöhnlichen Gedanken.

„Fühlen, hören, riechen und jetzt auch sehen. So viele Nerven, die mir positive Signale senden. Dann kann es auch nicht falsch sein, daran Gefallen zu finden. Was haben Frauen für ein Glück, dass sie ständig dieses Gefühl haben dürfen, ohne dass jemand Anstoß daran nimmt“, dachte Sasha zufrieden.

Bei seinem Anblick berührte und streichelte er seinen Körper, sah sich dabei im Spiegel zu und fast ohne Vorwarnung überkam ihn ein heftiger Orgasmus in mehreren Wellen. Er ließ es geschehen und genoss den Moment, aber genauso schnell, wie seine Erregung ihn überkommen hatte, genauso schnell schwand sie auch wieder und Sasha bekam umgehend ein schlechtes Gewissen. Irritiert davon hinterfragte er sich und seine wechselhaften Gefühle.

„Was zum Teufel stimmt nicht mit mir? Warum fand ich das gerade geil, obwohl es doch nicht normal ist? Bin ich unnormal, vielleicht sogar pervers? Bin ich etwa schwul, weil es mir gefallen hat und ich mich eben ein bisschen als Frau gefühlt habe?“

Sasha war zwar noch Jungfrau, aber während der Selbstbefriedigung hatte er bislang immer und ausschließlich an Frauen gedacht. Natürliche Frauen, bei denen die Attribute der Weiblichkeit besonders ausgeprägt waren.

„Nein, ich bin nicht schwul, ganz bestimmt nicht, kann ich ja gar nicht sein. Wahrscheinlich bin ich einfach nur pervers und habe kranke Fantasien. Auf jeden Fall ist das aber nicht normal“, schlussfolgerte er. „Das muss sofort wieder aufhören und keinesfalls darf irgendjemand jemals etwas davon erfahren. Wie konnte ich blos so pervers sein, niemals wieder werde ich das noch einmal machen, niemals.“ Sasha war wütend auf sich und darüber, seinem Drang nachgegeben zu haben.

Er zog sich die Strumpfhose fast gewaltsam aus und holte anschließend die zuvor eingerissene aus seinem Zimmer. Mit beiden ging er in die Küche, zerschnitt sie dort und versteckte die Überreste in der Mülltüte, ganz tief unten.

„Ich bin nicht krank, ich bin normal und brauche das nicht. Es war ein blöder Fehler, aus dem ich jetzt aber meine Lehren gezogen habe“, sagte er fast trotzig zu sich selbst.

Die Episode, mehr sollte es für Sasha nicht gewesen sein, war abgeschlossen und er zog sich wieder an.  Seine Sachen, die er für seine kurze Verwandlung über den Stuhl gehängt hatte, fühlten sich für ihn jetzt wieder als die einzig richtige Kleidung an.

Wie mahnende Überreste lagen noch die beiden Verpackungen auf seinem Bett. Energisch ergriff Sasha die Schachteln, ging entschlossen in die Küche, zerriss sie in kleine Stücke und entsorgte diese ebenfalls ganz tief in der Mülltüte. Genau wie zuvor die Strumpfhosen, so verschwanden auch ihre Verpackungen aus seinem Blickfeld und somit aus seinem Leben. Sasha hakte es als das ab, was es seiner Meinung nach gewesen war. Eine Erfahrung, die sich niemals wiederholen würde. Er tat es als ein fehlgeschlagenes Experiment ab und wollte seine Lehren daraus ziehen. Wieder auf sein reales Leben fokussiert, setzte er sich an die Hausaufgaben und bereitete sich auf die kommende Matheklausur vor.

„Und? Wie war dein Tag?“, fragte ihn seine Mutter, als sie um kurz nach sechs von der Arbeit nach Hause kam.

Bemüht gelangweilt berichtete Sasha von Belanglosigkeiten und sparte dabei aus, von dem er nichts mehr, und sie vermutlich nie etwas wissen wollte. Anstatt zu kochen bestellten sich beide eine Pizza beim Lieferdienst und führten ihren alltäglichen Smalltalk. Sie lebten in unterschiedlichen Welten und hatten nicht viele Schnittpunkte. Eigentlich reduzierten sich ihre Unterhaltungen auf Schule, Arbeit und gelegentlich noch auf Beates unbegründete Sorgen als Mutter, um Sina und ihr Leben in Oldenburg. 

Gegen zehn ging Sasha ins Bett, aber er konnte nicht einschlafen. Immer wieder kamen ihm die Bilder vom Nachmittag in den Kopf und so sehr er auch versuchte an etwas anderes zu denken, die Erinnerungen an das, was nicht hätte passieren dürfen, ließen sich einfach nicht verdrängen. Gedanken an Sport oder Schule hatten keine Chance, sich gegen seine neue Erfahrung durchzusetzen. Schließlich gab Sasha den sich ständig in den Vordergrund spielenden Erinnerungen nach. Je mehr er an den Nachmittag dachte, umso weniger verstand er sein extremes Verhalten danach. Allein das Denken daran erregte Sasha und er schlussfolgerte, dass er ja eigentlich doch großes Vergnügen an dem Geschehenen gehabt hatte und sein schlechtes Gewissen wohl eine übertriebene Reaktion gewesen war. Sein selbstauferlegtes Gedankenverbot verlor für Sasha an Bedeutung und er gab sich seinen Erinnerungen hin, ohne weiter über deren Moral zu grübeln. Es dauerte nicht lange, da ärgerte er sich sogar darüber, dass er die Nylonstrumpfhosen in seiner Wut auf sich entsorgt hatte. Allzu gerne hätte er sie sich in diesem Moment noch einmal angezogen und wieder durch den hauchzarten Stoff gestreichelt. Bei dem Gedanken daran schloss er die Augen und seine Hand glitt in seine Pyjamahose. In Sashas Vorstellung erschien die Kassiererin aus dem Drogeriemarkt. Sie stand vor seinem Bett und lächelte ihn an. Verträumt flüsterte er seiner imaginären Besucherin zu.

„Warum hast du mich so angesehen, warum hast du mich angelächelt, nachdem du mich beim Lügen ertappt hast? Und warum hast du mich dann mit deiner aufreizenden Weiblichkeit so provoziert? Du warst in deiner Art so überlegen, als ob du darin Erfahren hast. Passiert dir so etwas öfter? Bin ich nur einer von vielen jungen Männern, die bei dir so etwas kaufen?“

Sie stand lächelnd, aber schweigend vor seinem Bett und Sasha lächelte zurück. Sie war die erste Frau, die derartige Fantasien bei ihm ausgelöst hatte, die ihm erschienen war, als fast fleischgewordener Tagtraum. Sasha wollte sie nicht wieder gehen lassen. „Wo immer du jetzt auch bist, ich kann deine Nähe spüren“, fantasierte er weiter. Für ihn stand sie vor seinem Bett, trug die gleichen Sachen wie in der Drogerie und sah freundlich zu ihm herunter. Sasha musste sich mehrmals zügeln, da er sich den magischen Moment möglichst lange erhalten wollte, aber plötzlich wurde er von seiner Lust übermannt. Er kostete seinen Höhepunkt aus und fühlte sich dabei glücklich und befreit.

Unmittelbar danach, fast schon schlagartig, verschwand die Erscheinung seiner Kassiererin. Sie hatten sich aufgelöst, aber im Gegenzug etwas anderes hinterlassen. Ein erneutes schlechtes Gewissen und die Scham, über seinen wiederaufgeflammten Wunsch nach Nylon.

Weniger Emotional, sondern dieses Mal sachlich, dachte Sasha über seine wechselhaften Gefühle nach. Er erkannte, dass etwas, das ihn in einem Moment stark erregte, in einem anderen Moment wieder als verwerflich erschien. Ganz besonders aber nach einem Orgasmus. Mit dieser Erkenntnis fühlte er sich ein wenig wie Doktor Jekyll. Wie ein normaler und anständiger Mann, der sich aber manchmal in Mister Hyde verwandelte. Der seine Persönlichkeit unkontrolliert wechselte, um dann eine andere, eine dunkle und aus Sashas Sicht, seine perverse Seite auszuleben. In diesen Gedanken versunken, die ihn mehr verwirrten als klärten, schlief er ein.

Sasha schlief unruhig. Er träumte intensiv von seinen Erlebnissen. Von der hübschen Kassiererin und von den fremden Frauen, die an der Kasse hinter ihm gestanden hatten. Sie alle umringten ihn und zeigten mit den Fingern auf Sasha, während sie sich über ihn lustig machten. Darüber, dass er splitternackt in ihrer Mitte stand und hilflos versuchte, seinen Penis hinter den Händen zu verstecken. Sie nannten ihn hämisch Pimmelmädchen und forderten keifend, dass er sich mit seinen Mädchenschwanz doch gefälligst auch wie ein Mädchen kleiden sollte. Sie beschimpften und beleidigten ihn und zeigten deutlich ihre Verachtung für sein Verhalten. Immer, wenn er einen Fluchtversuch unternahm, ertönte ein lautes Alarmsignal. Das gleiche, wie von der Diebstahlsicherung in der Drogerie. Er wurde darauf immer wieder von der Kassiererin zurück in den Kreis befohlen und Sasha befolgte eingeschüchtert ihre Anordnungen. Die Frauen befahlen Sasha sich eine Strumpfhose anzuziehen, die plötzlich auf dem Boden vor ihm erschienen war und lachten ihn aus. Plötzlich standen auch seine Mutter und Sina im Kreis der Frauen, zeigten ebenfalls auf ihn und lachten mit.

Mehrfach wachte Sasha in dieser Nacht schweißgebadet und mit rasendem Puls auf, las zur Ablenkung ein paar Seiten eines Buches und beruhigte sich wieder. Aber nach jedem erneuten Einschlafen kehrten die Bilder zurück und er erlebte den Traum wieder und wieder und wieder.

 

 

4

 

Aufgrund seiner verstörenden Träume hatte Sasha eine sehr unruhige Nacht, und als er am nächsten Morgen aufwachte, fühlte er sich alles andere als ausgeschlafen. Eine ausgiebige Dusche spülte seine bleierne Schwere vom Körper und die dämpfende Watte aus dem Kopf. Er sortierte seine Gedanken und Erlebnisse erneut.

„Die Sache muss ein Ende haben. Ich muss diese kranken Fantasien loswerden und ich darf mich nicht mehr an dem Scheiß erregen. Ich will endlich wieder normal sein. Ich bin ein Mann, ein richtiger Mann und keine lächerliche Tunte, die sich zum Gespött der Leute macht. Keine Strumpfhosen, keine Kassiererin und keine Pornos mehr, ich brauche das nicht und ich will das nicht“, dachte er und beschloss erneut, seinen Fantasien abzuschwören.

Er musste erst zur dritten Stunde in der Schule sein, daher hatte seine Mutter ihm in der Küche schon das Frühstück vorbereitet, bevor sie zur Arbeit gefahren war. Ein Gruß seiner Mutter, mit dem sie ihm einen schönen Tag wünschte und einen Kuss daließ, lag auf seinem Teller. Während Sasha am Tisch saß und aß, schaute er mehrfach auf den Mülleimer, worin die Rückstände seiner gestrigen Erlebnisse auf ihre endgültige Entsorgung warteten. Für Sasha war es mehr als nur gewöhnlicher Abfall. Für ihn waren darin die Geister seiner abnormalen Gelüste, die in wenigen Minuten im Hausmüllcontainer landen sollten und später auf der Deponie verbrennen würden.

Aufgeräumt hinterließ Sasha die Küche, schnappte sich seinen Rucksack und den Müllbeutel und verließ die Wohnung. Auf dem Weg zur Bushaltestelle wandte er sich den Müllcontainern neben dem Haus zu, und entschlossen warf er die verräterische Plastiktüte in den Restmüllcontainer.

„Schade eigentlich, dass es so weit gekommen ist“, dachte er. „Ich vernichtete zwar endgültig alle Spuren meines peinlichen, vielleicht sogar perversen Erlebnisses, aber eigentlich hat es mir doch gefallen. Trotzdem darf sich so etwas nicht wiederholen und vielleicht bin ich so ja endlich wieder der alte Sasha.“ Er war zwar unsicher in seinen Gedanken, aber fest entschlossen in seinem Handeln. „Nicht Vielleicht, sondern garantiert. Ich habe die Geister aus meinem Kopf für immer verbannt und sie werden auch nie wieder zurückkommen“, redete er sich ein, als Frau Reuter aus der zweiten Etage um die Ecke zu den Müllcontainern bog, um auf dem Weg zur Arbeit ebenfalls ihren Abfall zu entsorgen.

Sie war eine Frau, die Sasha schon immer bewundert hatte und die auch in seinen erotischen Vorstellungen gelegentlich auftauchte. Trotz ihrer gut vierzig Jahren konnte er sich ihrer Wirkung nicht entziehen und schon oft hatte er ihr im Treppenhaus verträumt hinterhergesehen. Sasha dachte bei ihrem Anblick, dass sie an diesem Morgen noch hübscher, als sie es ohnehin schon war aussah. Ihre gelockten Haare wehten, als sie auf ihn zu kam. Sie trug einen Blazer über ihrer schlichten Bluse, dazu einen engen, schwarzen Rock, der knapp unter ihren Knien endete und glänzende, schwarze High Heels mit bestimmt acht Zentimeter hohen Absätzen. Ein Ensemble, unter dem man ihre wohlgeformte Weiblichkeit mehr als erahnen konnte und sie legte offensichtlich viel Wert darauf, ihre körperlichen Vorzüge richtig in Szene zu setzen. Perfekt geschminkt, mit kirschroten Lippen und gleichfarbigen Fingernägeln, stöckelte sie elegant auf Sasha zu.

„Halt mal bitte den Container auf, ich habe auch noch was“, rief sie ihm entgegen.

Ihre Brüste wippten unter der Bluse im Takt ihrer Schritte und Sasha wurde heiß an den Ohren und trocken im Mund. Sie hatten selten mehr als nur eine kurze Begrüßung miteinander ausgetauscht, und auch in diesem Moment wollte Sasha es genau dabei belassen.

In die von ihm aufgehaltene Containeröffnung warf sie dynamisch ihre Tüte ein und fragte ihn daraufhin besorgt: „Sasha, geht es dir nicht gut? Du bist ja ganz rot.“

„Doch, mir geht es gut, ganz bestimmt“, sagte er angespannt. „Das liegt sicher nur an der Hektik. Ich bin spät dran und will den Bus nicht verpassen, sonst komme ich zu spät zur Schule.“

Sasha hatte vor, der ihm peinlichen Situation schleunigst zu entfliehen, aber gerade, als er sich verabschieden wollte, bot sie ihm ihre Hilfe an.

„Ich könnte dich doch mitnehmen und an deiner Schule absetzen. Ich bin früh dran und habe genug Zeit für einen kleinen Umweg Es ist auch längst überfällig, dass wir uns mal etwas besser kennenlernen, wo wir doch schon Jahre im selben Haus wohnen. Beate, also deine Mutter hat mir letztens beim Kaffee erzählt, dass du nächstes Jahr dein Abi machst?“

Ein Teil von Sasha wollte lieber ablehnen, aber die Möglichkeit, einige Momente in ihrer Nähe sein zu dürfen, war dann doch zu verlockend und er nahm das Angebot dankend an.

Das knallrote BMW Coupé stand nur wenige Meter entfernt, direkt vor dem Haus. Nachdem Frau Reuter den Wagen mit der Fernbedienung entriegelt hatte, öffnete Sasha die Beifahrertür und setzte sich auf den lederbezogenen Beifahrersitz. Kaum, dass sie sich neben ihn gesetzt hatte, erfüllte ihr schweres Parfüm den Innenraum und Sasha atmete begierig ihren Duft tief ein.

Sie beugte sich vor, griff an ihre Füße und zog sich elegant die High Heels aus, um diese gegen ein paar flachere Schuhe auszutauschen, die schon im Fußraum bereit lagen. Die Pumps drückte sie dem überraschten Sasha in die Hand. „Zum Fahren habe immer ein paar bequemere Schuhe im Auto parat liegen“, erklärte sie ihre Handlung. Sie fragte ihn nach der Adresse seiner Schule, startete den Motor und fuhr forsch los.

Im Sitzen endete ihr Rock über den Knien und Sasha schielte aus den Augenwinkeln immer wieder verstohlen auf ihre Beine. Viel wusste er von Frau Reuter nicht. Sie lebte mit einem Mann zusammen, war aber mit ihm anscheinend nicht verheiratet, denn auf ihrem Klingelschild standen zwei Namen und sie trug keinen Ehering. Ihrem Mitbewohner begegnete Sasha gelegentlich im Hausflur. Er war wohl etwas jünger als Frau Reuter, groß, schlank, sportlich und gutaussehend. Nach Sashas Meinung entsprach er einem Mann, den die meisten Frauen als attraktiv bezeichnen würden, wobei sie ihm dabei in nichts nachstand. Sasha fand, dass die beiden ein hübsches Paar abgaben.

„Magst du es, meine Schuhe zu putzen? Ich hätte ansonsten noch einige andere, die ich dir zum Polieren ja gerne einmal runterbringe kann“, scherzte sie und riss sie Sasha aus seinen Gedanken. Er verstand jedoch nicht gleich was sie damit meinte und sah nur fragend zu ihr herüber.

„Während deine Augen verträumt auf meine Beine gerichtet waren, hast du nebenbei meine Schuhe gestreichelt. Und besonders haben es dir dabei wohl die Absätze angetan, die du mit deinen Fingern regelrecht poliert hast“, klärte sie ihn auf und lächelte freundlich.

Sasha schluckte, wurde rot und versuchte zu protestieren, woraufhin sie ihn aber unterbrach.

„Das ist schon in Ordnung und muss dir nicht peinlich sein. Es ist doch nur allzu verständlich, dass ein junger Mann eine sich bietende Gelegenheit nutzt, um die Beine einer anderen Frau mit denen seiner jungen Freundin zu vergleichen. Wenn uns Frauen das unangenehm wäre, könnten wir ja auch Hosen tragen“, entschuldigte sie selbst Sasha Verhalten unverzüglich. „Und? Wie fällt dein Urteil aus? Können meine Beine denn im Vergleich zu denen einer so viel jüngeren Frau noch mithalten?“, flachste sie.

„Ich habe zurzeit gar keine Freundin“, stammelte Sasha. Es war ihm sehr unangenehm, ihr das einzugestehen.

„Wie kommts?“, hakte sie nach. „Du bist doch ein hübscher junger Mann. Und mit deinen leicht androgynen Merkmalen solltest du eigentlich vielen Mädchen deines Alters gefallen. Willst du keine?“

Als sie sagte, er wirke androgyn, war es für ihn gleichbedeutend mit feminin. Sasha wollte ihr wiedersprechen, konnte aber nicht. Insgeheim sah er aber ein, dass sie im Grunde ja recht hatte. Er war mittelgroß, schlank, wenig muskulös und auch seinen Gesichtszügen fehlte ein maskuliner Touch. Aber als androgyn oder feminin wollte er sich nun wirklich nicht bezeichnen lassen.

Sashas Irritation blieb Frau Reuter nicht verborgen. „Das ist doch nichts Negatives, ganz im Gegenteil. Frauen finden das wirklich attraktiv und du solltest stolz auf dich sein.“ Dann kam sie zurück auf ihre Frage. „Wer hat denn Schluss gemacht? Sie oder du?“

In dem Moment waren sie an seiner Schule angekommen und Sasha war froh aussteigen zu können. Er griff nach dem Türöffner, um dieser für ihn unangenehmen Situation zu entkommen.

„Warte, ein wenig Zeit hast du doch noch“, bat sie in sanftem Ton und mit dem Blick auf die Uhr. „Außerdem hast du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“

„Welche Frage?“ tat Sasha unwissend und nahm seine Hand wieder von der Tür. Es fiel ihm nicht leicht mit einer Frau, die er ja kaum kannte, über sein Privatleben zu reden. Noch dazu mit einer, die im gleichen Alter wie seine Mutter war.

„Ich hatte dich gefragt, wer von euch beiden Schluss gemacht hat. Du oder sie?“, wiederholte sie.

Sasha holte tief Luft, denn die Antwort fiel ihm nicht leicht. „Niemand hat Schluss gemacht. Ich hatte bislang noch nie eine richtige Freundin, zumindest nicht so eine, mit der man fest zusammen ist.“

Frau Reuter zeigte sich überrascht, war neugierig zu den Hintergründen und bohrte weiter. „Du bist doch aber schon mit Mädchen zusammen gewesen und hast deine Erfahrungen gesammelt?“

Auch da konnte Sasha nichts vorweisen und gestand es ihr offenherzig. „Ich war noch nie mit einem Mädchen mehr als befreundet. Als gute Freunde befreundet, aber nicht mehr.“

Trotz ihres verständnisvollen Lächelns drehte sie das Messer in seiner Wunde. Sie sprach mit einer entwaffnenden Offenheit und gewann damit zunehmend Sashas Vertrauen.

„Sasha, so wie du meine Beine begutachtet und meine Schuhe betastet hast, und wenn auch nur unterbewusst, kann ich mir wirklich nicht vorstellen, dass du kein Interesse an Mädchen haben könntest. Versteh mich bitte nicht falsch, ich meine jetzt bestimmt nicht mich. Ich spreche von Mädchen aus deiner Altersgruppe, und ich kann mir nicht vorstellen, dass du von diesen nicht schon häufiger Signale bekommen hast. Anzeichen die Frauen aussenden, um einem Mann ihr Interesse zu signalisieren, um ihm die Initiative zu erleichtern.“

„Mag sein, aber ich bin vielleicht jemand, der nicht auf solche Dinge achtet“, antwortete Sasha schüchtern. „Außerdem, kann ich nicht einfach auf ein Mädchen zugehen und sie fragen, ob sie mit mir zusammen sein will.“

Frau Reuter nahm seine Hand und Sasha genoss ihre vertrauensvolle Berührung. „Du musst ja auch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, aber wenn du den Eindruck hast, dass jemand Interesse an dir hat, dann solltest du dem auf den Grund gehen. Sei ein wenig forsch und nimm in solchen Fällen leichten Körperkontakt auf. Kleine Berührungen von dir, die von ihr angenommen werden, sind ein sicheres Zeichen dafür, dass du ihre Signale richtig erkannt hast.“

Fragend sah Sasha erst sie und dann seine Hand in ihrer an.

„Nein“, sagte sie kopfschüttelnd und lachte. „Das ist nicht der Körperkontakt, von der ich eben gesprochen habe. Ich wollte damit nur Vertrauen aufzubauen und habe wirklich nicht vor dich anzugraben. Und im Prinzip hast du ja recht, dass man so etwas auch falsch deuten könnte. Andererseits hättest du vor einer kleinen Ewigkeit schon in mein Beuteschema gepasst.“

Sasha war seine Fehldeutung mehr als unangenehm, aber er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, woraufhin Frau Reuter fortfuhr.

„Greife zum Beispiel nach ihrer Hand, um auf ihre Uhr zu sehen. Streiche mit deiner Hand über ihre Schulter und sage, dass du einen kleinen Käfer entfernt hast. Verstecke ein Stück Laub in deiner Hand und dann sagst du, sie hätte etwas im Haar. Tu so, als ob du es ihr entfernst und zeige ihr den Beweis. Du wirst an ihrer Reaktion schon merken, ob es ihr unangenehm ist, oder ob du die Signale richtig gedeutet hast. Ob es dann zu mehr kommt, wird sich mit der Zeit ergeben.“

Die Fragezeichen in Sashas Blick mussten offensichtlich gewesen sein, denn sie fuhr fort.

„Aber du musst den ersten Schritt machen und sie nicht nur heimlich beobachten. Du bist jung. Nutz die Zeit, denn sie ist viel zu schnell vorbei. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede. Probiere dich aus, stelle fest was du magst, welche Vorlieben und Sehnsüchte du hast und was dir Erfüllung bringt. Lebe deine Fantasien aus. Warte nicht bis eine Fee kommt und dir deine Wünsche erfüllt, sondern suche dir eine. Es gibt mehr Feen in deiner Umgebung, als du glaubst. Aber die werden nicht im weißen Kleid, mit Blumenkranz im Haar und mit ihren kleinen Flügeln auf dich zuschweben, sondern wollen von dir gefunden werden.“

Sasha hing gebannt an ihren Lippen und lauschte den Worten, die nach der Lösung seiner unerfüllten Sehnsüchte klangen.

„Nur, wenn du ausprobierst kannst du dich auch entfalten, entdecken und entwickeln. Nur so wirst du feststellen was dir gefällt und wo für dich Grenzen liegen. Du darfst dich nicht einschränken und musst deine Träume leben.“

Sasha bemerkte wie er, während er weiterhin aufmerksam zuhörte, wieder die Absätze ihre Schuhe streichelte und ließ sofort wieder von ihnen ab.

„Such und finde deine Fee und teilt eure Sehnsüchte miteinander. Vielleicht wirst du dabei feststellen, dass sie die eine für ein ganzes Leben ist, vielleicht aber auch irgendwann, dass es Zeit für eine andere ist und vielleicht wird deine Fee dich auch wieder verlassen. All das und vieles mehr ist möglich, aber nur, wenn du von der Zuschauertribüne aufstehst und selber am Spiel teilnimmst. Lebe den Moment, lerne aus der Vergangenheit und erwarte die Zukunft offen, denn sie wird von dir geschrieben. Das Leben und vor allem die Liebe sind ein Geben und Nehmen, wobei es dabei, wenn man die Grenzen des anderen respektiert, keine Verlierer gibt."

Während ihres langen Monologs saß Sasha die ganze Zeit schweigend und aufmerksam neben ihr und hatte seinen Blick auf ihre roten Lippen gerichtet. Sie sagten so viel was ihn faszinierte, geradeso, als ob sie in seine Seele hätte gucken können. Ohne es zu wissen beantwortete sie seine nie ausgesprochenen Fragen.

„Jetzt ist es wohl an der Zeit, in die Schule zu gehen“, sagte Frau Reuter abschließend, nahm sanft ihre Schuhe aus seinen Händen und ließ ihn aussteigen.

Ein gegenseitiges Winken zum Abschied und sie rollte vom Parkstreifen. Verträumt sah er ihr hinterher, bis sie abbog und der Wagen nicht mehr zu sehen war. Wie in Trance ging Sasha zum Haupteingang und durch die Gänge der Schule, bis zu seinem Klassenraum. Er war durcheinander und versuchte seine kreisenden Gedanken zu ordnen.

„Was war da passiert?“, fragte er sich. „Wie kann mir eine fast fremde Frau so intime Fragen stellen und vor allem, warum habe ich ihr so offen darauf geantwortet? Mehr noch. Wie konnte sie mir so viele Antworten geben, ohne dass ich ihr auch nur eine Frage gestellt hatte?“

Im Klassenraum angekommen war Sasha immer noch mit seinen Gedanken bei Frau Reuter und dem Gespräch in ihrem Auto. Bislang war er ihr nur im Treppenhaus begegnet, hatte sie im Vorbeigehen freundlich gegrüßt und ihr dabei immer heimlich und bewundernd hinterher gesehen. Aber eben hatte er der fast fremden Nachbarin seine Jungfräulichkeit gestanden. Er wusste nicht warum, aber irgendwie war es für ihn ein Stück weit erleichternd.  Sasha glaubte, dass diese Frau ihn verstand und dass er ihr sein Vertrauen zurecht geschenkt hatte.

„Was ist los mit dir“, fragte Denise ihn. „Hast du schon wieder schlecht geschlafen und den Mond angejault?“

„Alles gut, ich war nur kurz abwesend“, antwortete Sasha seiner besten Freundin und Sitznachbarin.

Ein lautes und deutliches „Guten Morgen“ ließ Sasha aufmerksam werden. Herr Maschke war in den Klassenraum gekommen, um seinen Schülern die vielen Geheimnisse und Rätsel der höheren Mathematik näherzubringen und erinnerte dabei an die anstehende Klausur.