Leseprobe zu "Jasmin - … aber nicht meine Seele"

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Vorwort

 

Bei einer Weltbevölkerung von 7,6 Milliarden Menschen leben 83 Millionen in Deutschland. 42 Millionen davon sind Frauen und davon wiederum 1,5 Millionen alleinerziehende Mütter. In Berlin sind es allein 100.000. Fast die Hälfte der alleinerziehenden Mütter in Berlin bezieht Sozialleistungen.

 

In Deutschland gehen etwa 400.000 Frauen der Prostitution nach, in Berlin allein über 10.000.

 

Allerdings gibt es nur eine alleinerziehende Mutter in Berlin, die Sozialleistungen in Anspruch nimmt, als Prostituierte ihren Lebensunterhalt aufbessert, 26 Jahre alt ist und Jasmin Mattner heißt.

 

Damit ist Jasmin nicht nur eine von 7,6 Milliarden Menschen, sondern sie ist auch einzigartig. Ihr Leben und ihre Geschichte, ihre Gefühle und ihre Gedanken sind einmalig.

      Allerdings hätte unter bestimmten Umständen, unter Jasmins Umständen, auch jede andere Frau einen ähnlichen Weg einschlagen können, und nur das Schicksal hat die meisten davor verschont.

      Jede Frau, die sagt, dass ihr so etwas niemals hätte passieren können, hatte einfach nur Glück. Glück, das die meisten nicht mehr als solches wahrnehmen und als Selbstverständlichkeit abtun.

      Eine intakte Familie, Liebe, Verständnis und Geborgenheit, finanzielle Sicherheit und ein positives soziales Umfeld können aber von einem Moment zum nächsten in seinen Grundfesten erschüttert und zum Einsturz gebracht werden. Bei jedem Menschen, auch bei Ihnen. Und was kommt dann? Meistens ein Neuaufbau, ein anderes aber ebenfalls schönes Leben.

      In einigen Fällen aber auch ein Absturz und damit der tägliche Kampf ums Überleben. Wohnung, Arbeit und Essen werden zum Luxus, Behörden zum undurchsichtigen Dschungel, und was früher ein Kiesel war, den man ohne Mühe aus dem Weg gekickt hätte, kann plötzlich zum Felsen, zum unüberwindbaren Hindernis werden.

 

Nicht jeder ist seines Glückes Schmied, und nicht jeder Schmied hat Glück.

 

 

Teil 1

 

1

 

Jasmin wachte, wie jeden Morgen der vergangenen Monate, auf ihrer ausgeklappten Schlafcouch auf. Es war Samstagfrüh, und der Junimorgen lachte ihr durch die halb geöffneten Vorhänge ins Gesicht. Ihr kam es aber eher so vor, als ob er sie schadenfroh angrinste und sich dabei über sie lustig machte.

      Mag sein, dass für die meisten Menschen ein schöner Tag, ein vielversprechendes Wochenende anbrach, an dem man die freie Zeit mit der eigenen Familie verbringen und zusammen Spaß haben konnte. Für die Sechsundzwanzigjährige war es hingegen nur ein weiterer Tag voller Sorgen um ihre und vor allem auch um Tills Zukunft.

      Eigentlich drehte sich ihr jetziges Leben sowieso nur noch und ausschließlich um Till, den letzten verbliebenen Grund, sich aufzuraffen und nicht aufzugeben. Nur für ihn ließ sie sich nicht hängen und gab sich die größte Mühe, damit er ihre Verzweiflung nicht bemerkte. Die Sorge, ob ab dem 20ten noch Essen im Kühlschrank ist, sollte ihn nicht belasten. Und bislang gelang es ihr auch, dass Till weitgehend unbeschwert aufwachsen konnte.

      Natürlich hatte der Siebenjährige die Trennung seiner Eltern miterlebt und nächtelang darüber geweint, war unglücklich über den erzwungenen Umzug und ließ seine Wut anfangs an Jasmin aus. Aber er hatte sich mittlerweile gefangen und schien die veränderte Situation relativ gut zu verkraften.

      Sie schob die Bettdecke beiseite, stand auf, öffnete die Vorhänge des Wohnzimmerfensters und sah über die Stadt.

      Aus der 12. Etage, hoch über den Straßen von Marienfelde, sah Berlin auch für sie schön aus. Die vielen Dächer, umgeben von Grünanlagen und Parks soweit das Auge reichte, machten einen friedlichen Eindruck. Aber obwohl sie von oben herabsah, war ihr bewusst, dass sie doch ganz unten angekommen war. Dabei konnte sie nicht erahnen, wie weit tiefer es noch mit ihr gehen sollte.

 

Wie jeden Morgen lüftete Jasmin durch, um den Geruch der Nacht aus ihrer Zweizimmerwohnung zu verbannen und schob das Schlafsofa wieder zusammen. In der kleinen Einbauküche stellte sie die Kaffeemaschine an und machte sich im Bad für einen weiteren Tag fertig. Einen weiteren Tag ohne Perspektive auf Besserung.

      Die Wohnung war immer ordentlich, das war Jasmin sehr wichtig. Nichts lag herum, alles war sauber und aufgeräumt und vermittelte den Anschein einer heilen Welt. Eine Welt, die Jasmin für Till geschaffen hatte und täglich aufs Neue schaffte, damit er sich wohlfühlen konnte.

      Auch in seinem Zimmer lüftete sie durch, obwohl er die Nacht nicht in seinem Bett geschlafen hatte. Till verbrachte dieses Wochenende bei seinen Großeltern, den Eltern von David. Auch das gehörte zur gespielten, heilen Welt.

 

Jedes zweite Wochenende holten Davids Eltern Till am Freitag um 17 Uhr ab und brachten ihn Sonntagnachmittag wieder nach Hause zurück. Immer pünktlich und immer nach dem gleichen Ablauf. Der Opa klingelte, meldete sich über die Gegensprechanlage und wartete mit Oma am Auto. Niemals kamen die Großeltern in Jasmins Wohnung, um sich ein Bild der Lebensumstände von Till und ihrer Ex-Schwiegertochter zu machen. Stattdessen warteten die beiden immer nur am Tirschreuther Ring auf einem Parkplatz vor dem Haus. Ihr gegenüber hatten Davids Eltern bei diesen Aufeinandertreffen lediglich ein paar knappe Worte übrig, in denen sie unterschwellig ihre Missbilligung gegen Jasmin zum Ausdruck brachten, und nur Till war glücklich bei diesen Übergaben.

      Kindlich unbeschwert freute er sich auf die Unternehmungen, die Jasmin ihm nicht bieten konnte. Besuche im Freizeitpark, Badeparadies, Burger-Restaurant, Zoo und Kino fielen in den Bereich der regelmäßigen „Oma und Opa Zehlendorf- Wochenenden“. So sehr es Jasmin einerseits schmerzte, ihm Derartiges nicht ermöglichen zu können, so sehr freute sie sich aber auch darüber, dass Till trotzdem nicht auf solche Erlebnisse verzichten musste.

      Nachdem sich David von Jasmin getrennt hatte, hatte nie eine Aussprache mit den Schwiegereltern stattgefunden, und diese waren offensichtlich auch nicht an der Sichtweise ihrer ehemaligen Schwiegertochter interessiert. David wird ihnen seine Wahrnehmung der Situation erzählt haben, und da war Jasmin die Schuldige an der Trennung. Zumindest vermittelte das unterkühlte Verhalten seiner Eltern diesen Eindruck.

 

Das leere Zimmer von Till war für Jasmin bedrückend und machte ihr Angst, ihn verlieren zu können. Seit der Trennung vor gut einem halben Jahr hatte David ihr mehrfach angedroht, Till zu sich zu holen, wenn sie ihm Schwierigkeiten machen würde. Ihr war bewusst, dass er seine Drohung ohne Skrupel in die Tat umsetzen würde. Aus Furcht vor einem Sorgerechtsstreit konnte sie Davids Eltern nicht die Wahrheit und die Hintergründe der Trennung verraten. Vermutlich hätten die sich sowieso nicht dafür interessiert und hätten Jasmin kein Wort ihrer Darstellung geglaubt. Sie waren anscheinend froh, dass ihr Sohn sie endlich los war.

 

Bedrückt goss sie sich in der Küche einen Pott Kaffee ein und ging für eine Zigarette auf den Balkon. Rauchen war ihr als einziger Luxus geblieben, wobei sie aber von fertigen Packungen auf selbst gestopfte Zigaretten hatte umsteigen müssen. Früher war Geld für Jasmin nur ein Mittel zum Zweck. Nach der Trennung wurde es aber schlagartig zum Mittelpunkt ihrer Sorgen, und sie sparte an allen Ecken und Kanten.

      Mit ihrem Frühstück aus Koffein und Nikotin sah sie, wie so oft, in die Tiefe. Ohne Till hätte der unter ihrem Balkon verlaufende Asphalt vermutlich weniger bedrohlich gewirkt, und vielleicht hätte sie den Sprung aus der Ausweglosigkeit gewagt, aber zum Glück hielt sie die Liebe zu ihrem Sohn davor zurück. Er gab ihr den notwendigen Lebenswillen, und für seine Zukunft wollte Jasmin kämpfen.

      Der Fernseher lief den ganzen Morgen, ohne dass sie die Sendungen verfolgte. Die Geräusche und Stimmen verhalfen ihr lediglich, sich nicht einsam zu fühlen, während sie sich um den ohnehin fast perfekten Haushalt kümmerte. Tägliches Staubsaugen und Staubwischen, das samstägliche Fensterputzen, Bügeln der freitags gewaschenen Wäsche, all das war ihr zur Routine geworden. Selbst auferlegte Regeln zum Tagesablauf, auch wenn sie übertrieben waren, halfen Jasmin. Sie gaben ihr Struktur und den Eindruck von Sinn.

      Sie musste mit einer Situation klarkommen, die ihr noch vor knapp einem Jahr als unvorstellbar erschienen wäre. Damals, als sie noch mit David in einem eigenen Haus in Zehlendorf gelebt hatte. Für Außenstehende waren sie eine Vorzeigefamilie gewesen und durch Davids gutes Einkommen auch finanziell abgesichert.

 

Ohne Vorwarnung veränderte sich für Jasmin schlagartig alles. Ein Umzug, den sie nicht wollte, aber gegen den sie sich auch nicht zu wehren wusste. Weg von der vertrauten Umgebung, der idyllischen Knesebeckstraße in Zehlendorf, hin nach Marienfelde, in ein monströses und anonymes Hochhaus am Tirschreuther Ring. Alles war von ihm perfekt vorbereitet worden. Alles, nur Jasmin nicht. Sechs Jahre Ehe, anfangs eine sehr glückliche, wurden von David einfach so beendet. Von dem David, der sich acht Jahre zuvor von der Auszubildenden Jasmin in einem Möbelgeschäft beraten ließ.

      Jasmin war gerade volljährig geworden, am Anfang des zweiten Ausbildungsjahres, und von dem sechs Jahre älteren David tief beeindruckt. Groß und gutaussehend hatte er ihr mit seinem souveränen Auftreten imponiert und einen bleibenden Eindruck bei Jasmin hinterlassen. Auch an David ging die Begegnung nicht spurlos vorüber. Er dachte des Öfteren an die attraktive Verkäuferin mit den langen, brünetten Haaren und ihrem wohlgeformten, schlanken Körper.

      Wenige Tage später stand er mit einem Strauß gelber Freesien in ihrer Abteilung und lud sie für den Abend zum Essen ein. Er ergriff die Initiative, war attraktiv, sportlich und besaß eine männlich dominante Ausstrahlung. So hatte sich Jasmin ihren Prinzen immer vorgestellt. David wurde ihr erster fester Freund.

      Er nahm ihr die Unschuld, gab ihr Selbstbewusstsein, und wenig später zog sie zu ihm in seine Mietwohnung in Zehlendorf. Zusammen verlebte das glückliche Paar eine liebevolle und romantische Zeit, und nach dem tragischen Unfalltod ihrer Eltern, knapp ein Jahr zuvor, wurde der smarte Mann für die einsame junge Frau zum Halt.

      Davids Eltern waren von seiner Wahl nicht begeistert, erst recht nicht, als David ihnen ein halbes Jahr später berichtete, dass sie ein Kind erwarten und heiraten würden. Erfolglos versuchte vor allem sein Vater, ihm die Hochzeit aus- und eine Abtreibung einzureden. Er sollte sich stattdessen eine standesgemäße Frau suchen, die sich besser seiner Karriere als erfolgreicher Immobilienmakler in der elterlichen Agentur anpasste. Aber er war von ihnen zu einem selbstbewussten Mann erzogen worden, und so setzte David seinen Plan unbeirrt und gegen den Willen der Eltern um.

      Als Hochzeitsgeschenk kauften sie dem Paar ein repräsentatives Haus in Zehlendorf, gleich in der Nachbarschaft zu ihnen, in dem die junge Familie mietfrei wohnen durfte. Eine Überschreibung auf David schlossen sie jedoch ausdrücklich aus, zumindest solange er mit Jasmin verheiratet war.

      Auf der, natürlich von den Schwiegereltern standesgemäß organisierten Feier, übergab Davids Vater ihm feierlich den Schlüssel. In seiner Rede dazu sagte er vor allen Gästen: „Den Schlüssel zu dem Haus sollt ihr bekommen, aber der Name im Grundbuch bleibt meiner. Es wäre doch überaus schade, wenn mein Familienvermögen durch eine Scheidung halbiert werden würde.“

      Er lachte über seine widerwärtige Anspielung, die Gäste hingegen waren von einer solch boshaften Bemerkung gegenüber der Braut schockiert und schwiegen. David sah seinen Vater verärgert an, und Jasmin hatte Tränen in den Augen.

      Am Ende des zweiten Lehrjahres brach Jasmin ihre Lehre ab. Einerseits war die Schwangerschaft mittlerweile sichtbar und eine Unterbrechung der Ausbildung notwendig, andererseits sagte David: „Schatz, lass das Verkäuferdings ganz sein. Wir haben es nicht nötig, dass du arbeiten gehen musst.“

      Sie liebte ihn und folgte seinen Wünschen. Außerdem konnte sie sich so unbeschwert um den kleinen Till kümmern.

 

In ihrer mütterlichen Fürsorge zu ihrem inzwischen siebenjährigen Sohn Till war Jasmin lange nicht aufgefallen, dass David sich verändert hatte. Die Abende im Büro der väterlichen Immobilienagentur und bei Kunden wurden länger, ihre gemeinsamen intimen Momente weniger.

      Irgendwann bemerkte sie Anzeichen anderer Frauen an ihm. Sei es durch den Geruch eines fremden Parfums, einem blonden Haar oder den ungewöhnlich vielen Abendterminen. Er gab sich nicht einmal sonderlich Mühe, sein offensichtliches Fremdgehen zu verheimlichen. Trotzdem schwieg sie und versuchte, die deutlichen Hinweise zu ignorieren.

 

Lediglich ihrer vermeintlich besten Freundin Katja, ihrer Doppelpartnerin im Tennis Club, vertraute Jasmin ihre Befürchtungen an.

      „Na und?“, antwortete Katja gleichgültig und ergänzte: „Wenn ich für jedes Mal, wenn Malte einer anderen Frau schöne Augen gemacht hat, einen Euro bekommen hätte, bräuchte ich ihn heute nicht mehr. Dann wäre ich selbst vermögend. Auch wenn David dir nicht immer ganz treu sein sollte, so hast du doch ein tolles Leben. Nimm dir einfach die gleichen Freiheiten und ignoriere seine Eskapaden.“

      Jasmin war mit solch einer teilnahmslosen Antwort nicht geholfen, und gerade von einer Freundin hatte sie sich mehr erhofft. Sie nahm sich vor, David bei passender Gelegenheit einmal vorsichtig auf ihre Befürchtungen anzusprechen. Nicht heute, nicht morgen, aber bei Gelegenheit.

 

David war ein Mensch, der sich seinen Weg bahnte und mit abgewinkelten Ellenbogen durchs Leben ging. Nur durch seine stetig steigende Rücksichtslosigkeit hatte er es geschafft, beruflich so erfolgreich zu werden. Und immer deutlicher setzte er diese Eigenschaft auch im Privatleben ein.

      Die Liebe verkümmerte langsam, ebenso Jasmins Wunsch nach seinen Zärtlichkeiten. Sie hatte sich damit abgefunden, als Frau wohl nicht mehr seine erste Wahl zu sein. Was ihnen an Gemeinsamkeiten blieb waren Till und Davids gelegentliche Forderungen nach einem schnellen und gefühllosen Fick.

      Und ohne, dass sie ihn je mit ihrem Verdacht der Untreue konfrontiert hatte, ohne, dass sie sich jemals über seine Teilnahmslosigkeit beschwert hatte, kam der Tag, an dem David sie aus dem Haus warf.

      „Unsere Ehe ist am Ende, und ich will die Scheidung“, sagte er eines Samstagmorgens so nüchtern, als ob er von einem Geschäftsabschluss berichtete.

      Jasmin sah ihn nur sprachlos und ungläubig an. Sie hörte seine Worte, konnte sie aber nicht verstehen.

      „Ich habe dir eine voll eingerichtete Wohnung angemietet, in die du noch heute einziehen wirst. Pack zusammen, was dir gehört. In zwei Stunden steht ein Transporter vor der Tür und bringt Till und dich nach Marienfelde“, fuhr David fort.

      Langsam verarbeitete Jasmin seine Aufforderung und erkannte ihre Bedeutung. Nicht gelernt, sich zu wehren, fragte sie kleinlaut und kaum hörbar: „Warum?“

      Einen kleinen Augenblick schien er über seine Antwort nachzudenken und formulierte sie dann so verletzlich, wie es schlimmer kaum hätte sein können.

      „Wir hatten eine ganz nette Zeit, aber die ist längst vorbei. Sieh dich doch an. Eine graue Maus ohne Flair, langweilig und bieder. Du machst mich nicht mehr an, und andere Frauen stehen Schlange, um mir zu geben, was du nicht mehr hast. Sexappeal, Feuer und Ekstase. Nimm es nicht persönlich, aber ich bin zu schade für dich, zu schade für nur eine Frau.“

      Seine schonungslosen Worte sollten sie verletzen und verfehlten ihre Wirkung nicht. Tränen rannen über Jasmins Wangen. „Warum tust du mir so weh? Ich habe doch immer alles für dich getan. Sag mir, was ich an mir ändern muss und ich tue das. Ich kann für dich bestimmt auch wieder begehrenswert sein. Bitte.“ 

      Überlegen und völlig Herr der Lage, genoss David den Moment. Ohne auf Jasmins Bitte einzugehen, sagte er: „Ich zahle dir ein Jahr die Miete, danach musst du allein klarkommen. Und wenn du versuchst, mir Ärger zu machen, werde ich dir den Jungen wegnehmen.“

      Er gab ihr einen Schlüsselbund, nahm seine Tennistasche und verließ wortlos das Haus.

      Jasmin sah ihm nach und blieb zurück. Er hatte sie zurückgelassen, und sie kam sich vor wie ein ungeliebter Hund, der von seinem Herrchen an der Autobahn angebunden und allein seinem Schicksal überlassen wird.

      David wollte sie nicht mehr und hatte es ihr in einer Deutlichkeit mitgeteilt, die keinen Zweifel an der Endgültigkeit seines Entschlusses zuließ. Viele Frauen hätten an Jasmins Stelle die Krallen ausgefahren und ihrem David die Stirn geboten, sich den Rauswurf nicht gefallen lassen und auf seine Rückkehr gewartet. Nicht aber Jasmin und das setzte David voraus.

      Er kannte seine Frau, ihre vielen Schwächen und die wenigen Stärken. Sie war zu dem geworden, was er aus ihr gemacht hatte. Eine zurückhaltende, schüchterne Frau ohne Selbstbewusstsein. Geprägt durch seine Dominanz hatte sie sich über die Jahre immer mehr nach seinen Vorstellungen entwickelt und war zu einer widerspruchslosen Hausfrau und Mutter geworden, die ansonsten nur als schmückendes Beiwerk an seiner Seite dienen sollte.

      Sich bewusst, dass es für David kein Zurück von seinem Entschluss gab, fügte Jasmin sich, so wie sie es immer schon getan hatte.   

 

Generalstabsmäßig geplant erschien um zwölf Uhr der Transporter, und zwei Mitarbeiter des Umzugsunternehmens halfen ihr, die eilig zusammengepackten Sachen zu verladen.

      Mit Till an der Hand und Tränen in den Augen, hinterlegte sie den Schlüssel ihres langjährigen Zuhauses auf der Flurkommode.

      „Das war es nun also? Warum? Warum tut er mir das an? Was habe ich falsch gemacht?“, dachte Jasmin, während sie mit einem letzten Blick auf das schöne Haus mit seinem gepflegten Vorgarten verharrte.

      Till konnte die Tragweite des Moments nicht erkennen und machte einen unbekümmerten Eindruck. Und auch, wenn sie sich über ihre Zukunft im Unklaren war, würde Jasmin alles dafür tun, ihm diese Unbekümmertheit zu bewahren.

      Jasmin erklärte Till während der Fahrt behutsam, dass sie von nun an nicht mehr in dem Haus in Zehlendorf wohnen würden und zu einem neuen Zuhause fuhren. Er hatte noch keine Ahnung über die genauen Hintergründe und sah die Fahrt in den fremden Bezirk wie einen Urlaub an. Dass aber sein Vater sie auf diesem Urlaub nicht begleiten würde, verschwieg Jasmin ihm vorerst. Till freute sich und sah den plötzlichen Umzug als Abenteuer.

 

Als sie wenig später die Wohnung im Tirschreuther Ring betraten, konnte sich Jasmin über die geschmackvoll und komplett eingerichtete Zweizimmerwohnung nicht freuen. Es war ein Exil, in das David sie verbannt hatte, und da spielte der Zustand des Ortes kaum eine Rolle.

      Während Till sofort aufgeregt die Wohnung inspizierte, begeistert von seinem Zimmer war und die Schränke mit dem Spielzeug aus den Umzugskartons unverzüglich einräumte, saß Jasmin niedergeschlagen auf der Schlafcouch im Wohnzimmer und unterdrückte ihren Schmerz. Später, wenn sie sicher sein konnte, dass Till es nicht mitbekommt, würde sie ihren Gefühlen nachgeben und weinen. Aber nicht in diesem Moment. Nicht vor Till.

      Es war ihr auch kein Trost, dass an alles gedacht worden war. Die Wohnung war absolut komplett. Bettzeug, Fernseher, Haushalts- und Küchengeräte, selbst an Putzmittel und Lebensmittel für die erste Zeit hatte David gedacht. Sogar ein angemeldetes Telefon stand bereit, zusammen mit diversen Schreiben von Energielieferanten, der Wohnungsgesellschaft und anderen Notwendigkeiten.

      Im Gegenteil. Es machte sie wütend, wie lange er ihren Rauswurf schon geplant hatte. Sie fühlte sich, als ob David ihr heimtückisch ein Messer in den Rücken gerammt und von hinten ihr Herz durchbohrt hatte.

 

 

2

 

Ohne Freunde und in einer unbekannten Umgebung sollte Filiz für sie neben Till der einzige soziale Bezugspunkt werden. Filiz, das war Jasmins neue Nachbarin, die am Tag nach ihrem Einzug bei ihr klingelte.

      „Hallo Nachbarin“, begrüßte die hübsche Deutschtürkin die verunsicherte Jasmin, nachdem diese zaghaft die Tür geöffnet hatte. Fragend sah sie die vor ihrer Wohnung stehende und freundlich lächelnde Frau an. Nach einem kurzen Moment der peinlichen Stille stellte sich die schwarzhaarige Fremde in akzentfreiem Deutsch vor.

      „Mein Name ist Filiz, und ich bin Ihre Nachbarin zur Linken. Zu Ihrem Einzug wollte ich mich Ihnen gerne vorstellen und dabei eine kleine Aufmerksamkeit überreichen.“

      Sie hielt der immer noch überrascht aussehenden Jasmin eine tropfenförmige Glasperle in ihren zu einer Schale geformten Händen hin und fuhr mit ihrer sanften und angenehmen Stimme fort: „Das ist ein „Nazar Boncuk“, das „Blaue Auge“ gegen den bösen Blick.“

      Jasmin sah in die Hände der freundlichen Frau. Sie kannte solche Glasperlen mit ihren von innen nach außen verlaufenden, konzentrischen Kreisen. Die Farben Schwarz, Hellblau, Weiß und Dunkelblau erzeugen dabei den Effekt einer Regenbogenhaut.

      „Vielen Dank, aber das ist wirklich nicht nötig“, erwiderte Jasmin, während sie Filiz ansah. Ihre Unsicherheit legte sich etwas, und sie konnte ihrer neuen Nachbarin in die Augen sehen. Braune, gütige Augen, die Vertrauen ausstrahlten.

      „Doch, das ist nötig, denn man sieht Ihnen an, dass Sie einen Schutz vor dem Bösen gut gebrauchen können.“ Filiz schmunzelte und ergänzte: „Obwohl, wenn ich ehrlich bin, ist es ja doch bloß eine Glasperle. Eine hübsche sicherlich, aber trotzdem nur eine Glasperle. Trotzdem müssen Sie das gute Stück annehmen, sonst würden Sie mich beleidigen.“ Sie zwinkerte Jasmin zu.

      Jasmin nahm Filiz das „Blaue Auge“ sachte aus der Hand und sagte: „Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Entschuldigen Sie bitte mein unhöfliches Verhalten, aber ich war etwas überrascht, da ich nicht mit Besuch gerechnet hatte.“ Sie öffnete die Tür ganz und ergänzte dann: „Bitte, kommen Sie doch herein.“ Dabei bat sie ihre Nachbarin mit einer einladenden Handbewegung in ihre Wohnung.

      „Wenn ich Sie nicht beim Umzugsstress störe, nehme ich die Einladung gerne an“, antwortete Filiz.

      Jasmin bat ihre neue Bekanntschaft, auf dem Sofa Platz zu nehmen und sagte: „Ich bin übrigens Jasmin. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten? Ob ich Tee habe, weiß ich noch nicht.“

      „Kaffee ist prima, aber nur, wenn es Ihnen keine Umstände macht.“ Freundlich fuhr sie fort: „Und wenn es dir keine Umstände macht, wäre es noch besser. Jetzt, wo wir doch Tür an Tür wohnen.“

      Filiz hatte eine gewinnende Ausstrahlung und Jasmin nahm das Du dankbar an. Sie war froh über den Besuch, der sie von ihren Gedanken nach den Gründen der plötzlichen Trennung ablenkte. Mit den Tassen in der Hand kam Jasmin zurück ins Wohnzimmer und rief dabei Till, der, als habe er nur darauf gewartet, durch die halb geöffnete Tür seines Zimmers angespurtet kam. Er hatte, nachdem es geklingelt hatte, von seinem Zimmer aus dem Gespräch gelauscht und war neugierig auf die Frau, aber besonders auf das „Blaue Auge.“

      „Till, das ist Filiz, unsere neue Nachbarin“, stellte sie beide einander vor.

      Er gab ihr höflich die Hand, sagte „Hallo“ und sah sich fasziniert die handtellergroße Glasperle auf dem Tisch an.

      „Findest du es schön?“, fragte Filiz ihn. Till nickte, und sie griff daraufhin in ihren Nacken, öffnete einen Verschluss und zog das an einer silbernen Halskette befestigte Amulett mit einem kleinen Nazar Boncuk herunter. „Für dich“, sagte sie, als sie es Till gab. „Und wenn deine Mutter nichts dagegen hat, bringe ich dir demnächst eine passende Kette dazu mit, damit es dich immer beschützen kann.“

      Mit dieser Geste hatte sie einen Freund fürs Leben gewonnen, und Till bedankte sich strahlend. Aber auch Jasmin freute sich. Sie bat Till, in seinem Zimmer weiterzuspielen und bedankte sich ebenfalls bei Filiz für die Freude, die sie ihrem Sohn gemacht hatte.

      „Nichts für ungut. Schenken ist eines der wenigen Dinge, die ich aus meiner Kultur noch für mich in Anspruch nehme.“ Filiz wechselte das Thema. „Ich bin überrascht, dass es hier überhaupt nicht nach Einzug aussieht. Wie hast du das alles so schnell geschafft? Hier sind zwar in den letzten Wochen öfter mal Handwerker und Möbelpacker gewesen, aber ihr seid doch erst gestern gekommen“, fragte sie bewundernd.

      Jasmin musste schlucken, als sie auf die Hintergründe ihres Umzugs angesprochen wurde. Es war schwer für sie, darüber zu sprechen, aber es tat ihr auch gut. Sie hatte zu dieser fast fremden Frau schnell Vertrauen gefasst und erzählte, was am Vortag passiert war. Mittendrin konnte sie sich nicht mehr zurückhalten und brach in Tränen aus.

      Ohne zu zögern nahm Filiz sie in den Arm und sagte: „Lass deine Gefühle raus. Sei traurig über das Verlorene und zornig auf ihn. Umso schneller kommst du darüber hinweg, um dann wieder nach vorne zu gucken. Glaub mir, ich weiß, wie es dir jetzt geht.“

      Jasmin fühlte sich in ihren Armen geborgen und erzählte schluchzend den Rest.

      Von der Unverfrorenheit Davids erzürnt, bot ihr Filiz ihre Unterstützung an. „Wenn du Hilfe brauchst oder mal jemand auf deinen Sohn aufpassen soll, dann komm ruhig zu mir rüber.“

      Niemals zuvor war Jasmin einem Menschen begegnet, der eine solch starke und positive Ausstrahlung wie diese Frau hatte. Filiz trank noch einen Kaffee, hörte sich aufmerksam die Erlebnisse an, und nach über zwei Stunden verabschiedete sie sich von Till und Jasmin, nachdem beide noch ihre Telefonnummern ausgetauscht hatten.

      An der Tür sagte Jasmin: „Du bist ein Engel, danke.“

      Belustigt erwiderte Filiz: „Es gibt eine Menge Menschen, die da aber ganz anderer Meinung sind. Und trotzdem habe ich den Beweis, dass du recht hast. Mein vollständiger Name ist Filiz Melek, und Melek bedeutet übersetzt tatsächlich Engel.“ Wie schon zu Beginn ihres Kennenlernens zwinkerte sie Jasmin zu und ging zur Nachbartür.

      Es ging Jasmin deutlich besser, nachdem sie ihre schmerzhaften Erlebnisse des Vortages jemandem mitteilen konnte. Sie fühlte sich nun mit Till und ihren Sorgen nicht mehr ganz so allein. Und sie wunderte sich darüber, dass sie einer fremden Frau in den vergangenen Stunden so viel von sich anvertraut hatte, aber von dieser nichts außer ihren Namen wusste. Das sollte sich aber in den nächsten Wochen ändern, und bald kannte sie auch die Geschichte von Filiz.

 

Till besuchte eine andere Schule, fand neue Freunde und gewöhnte sich nach anfänglichen Schwierigkeiten, einigen Wutausbrüchen und vielen Tränen an die neue Situation. Nur sein Vater fehlte ihm auch weiterhin.

      Nach Jahren als Hausfrau und Mutter, musste Jasmin nach der Umsiedlung nun selbst für ihr Einkommen sorgen. Problemloser als gedacht, hatte sie einen Job als Verkäuferin in einem Baumarkt in der Nähe gefunden, der mit dem Fahrrad bequem zu erreichen war. Ihr erster Job, nachdem sie mit neunzehn Jahren ihre Ausbildung abgebrochen hatte. Sie arbeitete vormittags und in Teilzeit, so dass sie sich weiter wie gewohnt um Till kümmern konnte.

      In den Ferienzeiten nahmen ihn Davids Eltern zu sich, und mit ihnen bereiste er dabei Länder, die Jasmin noch nie gesehen hatte und vermutlich auch niemals sehen würde. Ihre Welt war klein geworden.

 

Im Laufe der Zeit wurde Filiz, die nette Nachbarin, eine richtige Freundin für Jasmin, aber auch für Till. Er trug stolz den Anhänger mit dem Nazar Boncuk an einer Silberkette, die Filiz ihm später ebenfalls geschenkt hatte. Das große „Blaue Auge“ hatte Jasmin an der ihrer Wohnungstür gegenüberliegenden Wand angebracht, und gerne bildete sie sich ein, damit das Böse aus ihrer Wohnung fernhalten zu können.

      Auch Filiz öffnete sich Jasmin, und an vielen gemeinsamen Nachmittagen erfuhr die alleinerziehende Mutter eine Menge über ihre Nachbarin. Bislang dachte sie noch, dass es niemandem schlechter ergangen sein konnte als ihr. Aber Filiz belehrte sie nach und nach eines Besseren und teilte ihre erschütternde Geschichte mit Jasmin.

 

Die attraktive Türkin war 31 Jahre alt, wurde in Bochum geboren und war das jüngste von sechs Kindern ihrer konservativ muslimischen Eltern. Mit elf Jahren wurde sie in der Türkei mit einem ihr unbekannten Jungen verlobt.

      Zwar war Filiz von ihrer Familie in Vorbereitung auf die Zwangsehe erzogen, aber sie kannte auch die andere Welt. Außerhalb der elterlichen Wohnung, in der Schule und mit Freundinnen, erlebte und lebte sie ein freies Parallelleben. Die ihr anerzogenen kulturellen Zwänge galten dort nicht, und je älter Filiz wurde, umso größer wurde ihre Angst vor einer Zukunft als gehorsame Ehefrau eines traditionsbewussten türkischen Ehemanns.

      Kaum, dass Filiz volljährig war, musste sie ihren vier Jahre älteren Verlobten heiraten, und die Ehe entwickelte sich für sie zum Martyrium. Seine Erwartungen an eine Ehefrau passten nicht zu ihren Vorstellungen, und sie wollte sich nicht bedingungslos unterordnen. Filiz hatte die Freiheiten einer modernen Gesellschaft genossen, und einen Vogel, der einmal das freie Fliegen kennengelernt hatte, kann man nicht mehr in einem Käfig einsperren.

      Nach zwei Monaten der Unterdrückung entfloh sie ihrem ungeliebten Ehemann in einer Nacht- und Nebelaktion. Sie wollte nur weg, und ohne einen wirklichen Plan machte sie sich nach Hamburg auf.

      Längere Zeit lebte sie dort in einer sozialen Einrichtung der Stadt, ohne Kontakte zu ihrer Familie.

      „Wenn meine Familie gewusst hätte, wo ich bin, hätten mich meine Brüder geholt und totgeschlagen“, unterstellte sie gegenüber Jasmin.

      In Hamburg lernte sie Kevin kennen. Für sie war es Liebe, für den acht Jahre älteren Mann die Aussicht auf ein lukratives Geschäft. Nachdem er anfangs den liebenden und fürsorglichen Freund gespielt hatte, sie bereitwillig zu ihm gezogen war und sich ihm hingab, änderte sich sein Verhalten. Er nötigte sie zu sexuellen Handlungen, die ihr falsch und widerwärtig erschienen. Praktiken, die selbst ihr verhasster Ehemann nicht verlangt hatte. Aber immer, wenn Kevin drohte, sie ansonsten nicht mehr zu lieben und stattdessen auf die Straße zu setzen, erfüllte sie aus Angst, ihn zu verlieren, doch immer wieder seine abartigen Wünsche. Sex wurde für sie gefühllos und nur noch Mittel zum Zweck.

      Sie war vor Kevin durch ihre frühe Ehe nahezu unerfahren, und er redete ihr glaubhaft ein, dass alles, was von ihr verlangt wurde, normal sei. Unter Anderem forderte Kevin von ihr, sich aufreizend zu kleiden und ihm jederzeit gefügig zu sein. In solchen Momenten sprach er Filiz nur noch mit „Schlampe“, „Hure“ und „Nutte“ an. Nahezu täglich verging er sich an ihr, und sie stumpfte immer mehr ab. Während er sie mit Vaginal-, Oral- und Analverkehr penetrierte, verließ ihre Seele für den Zeitraum der Nötigung ihren Körper und machte eine Reise an schöne Orte. Erst wenn Kevin von ihr abließ, ihr seine Liebe beteuerte, sie zärtlich küsste und wieder „meine Lotusblüte“ nannte, kehrte sie zurück und liebte ihn für seine Zuneigung.

      Die Lotusblüte, an der alles abperlt und an der kein Schmutz haften bleibt, wurde für sie zum Sinnbild. Der von Kevin vergebene Kosename sollte zu ihrem mentalen Halt in den schweren Momenten werden.

      Aber die meiste Zeit war gut. Zumindest redete Filiz sich das immer wieder ein. Sie lebte in einer anständigen Wohnung und durfte allein in die Stadt gehen. Manchmal gab ihr Kevin Geld, und sie konnte sich Klamotten kaufen, ins Kino gehen oder im Burger-Restaurant essen. Sie musste nur pünktlich wieder zu Hause sein. Und das war sie immer, denn was sie vor allem anderen wollte war, ihm zu gefallen und dafür geliebt zu werden. 

      „Was glaubst du eigentlich, warum du drei Löcher hast?“ fragte er Filiz eines Abends vom Sessel aus, als mit Frank und René, zwei seiner Freunde biertrinkend auf dem Sofa saßen. Als sie ihn ängstlich ansah, zog er sie auf seinen Schoß und sagte: „Damit du drei Männer auf einmal befriedigen kannst.“

      Dann forderte er Filiz auf, sich vor seinen Freunden auszuziehen, aber das konnte sie nicht. Flehend sah sie ihn an und bettelte: „Bitte, verlang das nicht von mir. Du weißt, dass ich alles für dich mache, aber bitte nicht das.“

      Anstatt nachzugeben, schlug er ihr ohne Vorwarnung mit der flachen Hand ins Gesicht und sagte: „Das war keine Bitte, das war ein Befehl. Zieh dich aus, du Schlampe, und zeig den beiden deinen geilen Body. Wenn du nicht hören willst, werde ich andere Saiten aufziehen“, worauf er ein weiteres Mal zuschlug.

      Weinend stand sie bewegungslos im Raum und konnte keinen Muskel bewegen. Sie wollte tun, was Kevin verlangte, aber ihr Körper gehorchte nicht.

      Kevin erhob sich, grinste und sagte säuselnd: „Ist sie nicht niedlich, die kleine Bitch? Sie scheut sich, euch ihre Titten zu zeigen, als ob sie noch eine anständige Jungfrau wäre.“ Dann riss er ihr brutal das Shirt vom Oberkörper und als Filiz ihre nackten Brüste verdecken wollte, schlug er wieder zu. Zu dritt zogen sie die weinende Frau gewaltsam aus, und zu dritt vergewaltigten sie Filiz, während sie unablässig wimmerte.

      Nach einer ihr unendlich erscheinenden Qual, durfte sie ins Bad und unter die Dusche. Aber dort musste sie sich hinhocken, und alle drei urinierten auf sie herab.

      Spätestens davon, so berichtete Filiz nüchtern, war sie endgültig gebrochen und nur noch ein widerspruchsloses Objekt, das nur zum Vergnügen von Kevins perversen Wünschen diente. Sie durfte von da an die Wohnung nicht mehr verlassen und hatte ständig Dessous und High Heels zu tragen.

      Mehrmals täglich brachte Kevin fremde Männer mit nach Hause, führte Filiz wie ein Stück Vieh vor und pries sie ihnen als eine zu allem bereite und gehorsame Hure an. Einige seiner Gäste fragten Kevin unglaubwürdig, ob sie mit ihr wirklich alles machen dürften, und jedes Mal antwortete er darauf: „Solange du sie nicht kaputt machst und sie einsatzbereit bleibt, hast du freie Hand. Tob Dich an ihr aus, mach mit der Stute, was du möchtest, aber hinterlass möglichst keine sichtbaren Spuren.“

      Und das taten die Männer. Ihnen war es egal, dass sie an ihren Schwänzen fast erstickte und sich übergeben musste. Keiner der Freier störte sich an ihren schmerzhaften Schreien, wenn sie ihren Unterleib wund und teils blutig in beiden Körperöffnungen rücksichtslos penetrierten. Im Gegenteil, ihre Schmerzen schienen die perversen Männer noch zusätzlich anzuheizen.

      Während Kevin im Wohnzimmer wartete und das Geld der Freier zählte, wünschte sich Filiz zu sterben.

      Es war Jasmin unbegreiflich, wie ein Mensch etwas Derartiges aushalten konnte, und sie war verwundert über die Offenheit, mit der Filiz ihr das alles erzählte.

      Irgendwann nachts gelang es Filiz, als Kevin fest schlief, in einem seiner Jogginganzüge und mit zu großen Sportschuhen die Wohnung heimlich zu verlassen. Ihre eigenen Sachen waren von ihm weggeschlossen worden. Sie floh nur mit dem, was sie am Körper trug und mit Kevins Portemonnaie.

      Mit knapp 200 Euro und dem Wunsch, Hamburg weit hinter sich zu lassen, trampte sie nach Berlin und wandte sich erneut an eine Anlaufstelle für misshandelte Frauen. Dort kümmerte man sich fürsorglich um Filiz, verschaffte ihr in einer Wohngemeinschaft von Schicksalsgenossinnen ein Zimmer, versorgte sie mit Kleidung und half bei Behördengängen. Auch einen neuen Personalausweis bekam sie durch die Hilfe der Sozialarbeiterinnen recht zügig, und sogar einen Job in einem Supermarkt vermittelte man ihr.

      Dass sie aber bald darauf eine eigene Wohnung hatte, sowie ausreichend Geld, um sich sogar etwas Luxus leisten zu können, wurde nicht durch die Arbeit als Kassiererin finanziert. Filiz berichtete dies Jasmin in einer Art und Weise, als wenn es sich nur um das Auswringen eines Putzlappens handeln würde. Kalt, sachlich und emotionslos. In einer unglaublich nüchternen Art, die in Anbetracht ihrer Geschichte fast schockierend wirkte, erzählte sie offen, wie sie dazu gekommen war.

      „Ich wollte aus der Gosse raus und nie wieder von einem Mann abhängig sein. Ich wollte für mich sorgen, koste es, was es wolle. Und das einzige, was ich gelernt hatte, war, so makaber es auch klingt, meinen Körper zum Sex benutzen zu lassen. Ich beschloss, zu einer Lotusblüte zu werden, alles abperlen zu lassen und auf eigene Faust als Hure Geld zu verdienen.“

      Jasmin konnte es zunächst nicht glauben, was Filiz ihr berichtete und fragte entsetzt: „Wie konntest du das tun? Wie konntest du deinen Körper freiwillig Männern anbieten, erst recht nach den Erlebnissen in Hamburg? Niemals würde ich mit einem Mann Sex haben können, wenn ich ihn nicht lieben würde.“

      Es war ein erzwungenes, aber trotzdem wissendes Lächeln von Filiz, bevor sie mitleidvoll sagte: „Du glaubst gar nicht, wozu ein Mensch fähig ist, wenn es um seine Existenz geht. Durch Kevin hatte ich gelernt, mich für solche Momente abzuschalten. Geistig abzuschalten und den Männern trotzdem dabei vorzuspielen, sie würden mir Vergnügen bereiten. Das war die einzige Kunst, die ich beherrschte. Und damit habe ich es geschafft, selbstständig und unabhängig zu werden. Ich wünsche es niemandem, aber für mich war es der einzige Weg. Und, um deiner Frage zuvorzukommen, ich arbeite auch heute, Jahre später, immer noch als Hure und werde das sicherlich auch noch einige Zeit weitermachen.“

      Ungläubig schaute Jasmin ihre Nachbarin an. Sie kannten sich mittlerweile einige Wochen, in denen Filiz ihr immer wieder in Teilen ihr Leben offenbarte. Manch einen Nachmittag hatte sie Jasmin schockiert nach einem Gespräch zurückgelassen, entsetzt über deren Erlebnisse und fasziniert über ihre Kraft, damit umzugehen. Aber dieses Finale nach Wochen aus ihrem Mund zu erfahren, dass sie freiwillig auf den Strich ging und auch weiterhin anschaffte, konnte Jasmin nicht verstehen. Es gibt Dinge, die würde Jasmin niemals machen. Und bevor sie sich zu so etwas hergab, sich für Sex zu vermieten, würde sie lieber sterben. Da war sie sich in diesem Moment ganz sicher.

      Aber sie respektierte Filiz und akzeptierte ihre Tätigkeit. Mehr noch, sie bewunderte Filiz für ihre Fähigkeit, sich nicht unterkriegen zu lassen - dafür, furchtbare Schicksalsschläge zu ihrem Vorteil umzukehren und auszunutzen.

 

Sie waren längst Freundinnen, die einander bedingungslos vertrauten und zwischen die mittlerweile kein Blatt mehr passte. Etwas, was Jasmin seit dem Ende ihrer Schulzeit nicht mehr kannte. Und das, obwohl sie so verschieden waren, trotz ihrer doch so unterschiedlichen Geschichten. Dabei waren ihre Geschichten eigentlich gar nicht so unterschiedlich, nur die von Filiz war wesentlich drastischer. Sie befanden sich lediglich auf einem unterschiedlichen Erfahrungslevel.

      Wie sehr das der Realität entsprach, sollte Jasmin Monate später selbst erfahren.

  

 

3

 

Mehre Monate war Jasmin nun schon im Baumarkt beschäftigt, hielt sich dort aber schüchtern zurück. Ihre Kolleginnen verloren schnell das Interesse an ihr, da sie ihr Privatleben vor der Belegschaft verschlossen hielt, und die meist plumpen Flirtversuche einiger Mitarbeiter ignorierte sie kommentarlos. In den Augen der anderen war sie schnell zur langweiligen Außenseiterin geworden, was ihr dann auch den wenig geheimen und in Wahrheit unverdienten Spitznamen „Princess Boring“ einbrachte.

 

Während David, wie angekündigt, die Miete und auch alle weiteren vertraglich anfallenden Kosten übernahm, er hatte ja auch alle Verträge abgeschlossen, bestritt Jasmin den restlichen Lebensunterhalt von ihrem geringen Einkommen aus dem Baumarkt und Tills Kindergeld. Sie kamen zwar über die Runden, aber ein Ende war abzusehen, da David seine Bereitschaft zur Begleichung der anfallenden Wohnkosten auf ein Jahr begrenzt hatte.

      Die Scheidungspapiere, die David ihr über seinen Anwalt hatte zuschicken lassen, hatte Jasmin zur Kenntnis genommen und legte David keine Steine in den Weg. Auch sie wollte das Kapitel abschließen.

      In den seltenen Telefonaten wies er sie wiederholt genau darauf hin, und nie vergaß er dabei zu erwähnen, dass er ihr Till jederzeit wegnehmen könnte.

      Aber auch, wenn Filiz ihr glaubhaft versicherte, dass David das nicht mit ihr machen dürfe, dass das Gesetz Mütter vor so etwas schützt und sie Till auf jeden Fall behalten würde, hatte sie Angst, es darauf ankommen zu lassen. Obwohl sie sicher war, dass David in seinem neuen Leben keinen Platz für einen kleinen Jungen hatte, und er sich auch nicht wie ein Vater verhielt, wollte Jasmin das Risiko, ihren Sohn zu verlieren, nicht eingehen.

      Anfangs hatte sie David bei seinen seltenen Anrufen noch gefragt: „Warum hast du dich so verändert und uns das angetan? Was habe ich falsch gemacht?“ Nie hatte sie darauf eine konkrete Antwort bekommen. So blieb ihr nur die Spekulation, dass vermutlich eine andere Frau und der Druck seiner Eltern es waren, die David zu dem werden ließen, was sie inzwischen verachtete und hasste.

      Ihr blieb nur ein Ausweg aus dem drohenden Fiasko: Sie musste mehr Geld verdienen und dafür Till nachmittags allein lassen. Ein Hortplatz kam allerdings nicht infrage, da Jasmin für den Antrag auf Förderung und Betreuung einerseits die Einwilligung Davids als ebenfalls Erziehungsberechtigten, aber vor allem seine Einkommensnachweise der vergangenen zwölf Monate benötigte. Und diese würde er niemals freiwillig zur Verfügung stellen.

      Ihr einziger Ausweg auf eine Nachmittagsbetreuung schien Filiz zu sein, und bei einem gemeinsamen Kaffee sprach sie ihre Freundin darauf an.

      „Es fällt mir wirklich nicht leicht, dich zu bitten, aber ich brauche dringend deine Hilfe.“

      Filiz sah Jasmin interessiert an und fragte: „Du weißt, dass ich immer für dich da bin. Also, raus mit der Sprache, wo drückt der Schuh?“

      Direkt und ohne Umschweife kam Jasmin auf den Punkt. „Vielleicht könnte ich im Baumarkt in Vollzeit arbeiten, aber dann komme ich erst gegen 17 Uhr nach Hause, und solange kann ich Till nicht unbeaufsichtigt lassen. Könntest du vielleicht in der Zeit auf ihn aufpassen?“

      Zu Jasmins Überraschung sagte Filiz spontan zu.

      „Eigentlich bin ich für meine Kunden immer ab 16 Uhr in meinem Büro erreichbar, aber ich wollte sowieso kürzertreten.“ Sie grinste und ergänzte: „Sozusagen auf Hure in Teilzeit reduzieren.“

      Ihr Arbeitsplatz oder, wie Filiz gerne sagte, Büro, war eine kleine Wohnung in der Nähe, die Jasmin allerdings noch nie betreten hatte.

      „Dann kann ich meinen Chef fragen? Und das ist wirklich in Ordnung für dich?“, fragte Jasmin ungläubig.

      Filiz nahm ihr die Zweifel und das schlechte Gewissen. Sie sagte scherzhaft: „Es wird doch Zeit, dass ich auch einmal etwas Anerkennenswertes mache, und vielleicht kann ich durch diese gute Tat bei irgendeinem Gott ein paar Sünden tilgen.“

      Jasmin war ihr unendlich dankbar und nahm sich vor, gleich am kommenden Tag mit ihrem Filialleiter über eine mögliche Stundenerhöhung zu reden.

 

Am nächsten Morgen machte sie sich wie für ein Vorstellungsgespräch zurecht, denn es hing viel von dem Gespräch mit ihrem Chef ab, und sie wollte einen perfekten Eindruck hinterlassen.

      Dezent geschminkt mit hochgesteckten Haaren und in einem schicken, ihrer makellosen Figur schmeichelndem Outfit aus Jeans und Bluse, brachte sie erst Till zur nahe gelegenen Schule, fuhr dann, wie immer, mit dem Fahrrad zum Baumarkt und ging gleich um acht Uhr zu Herrn Kirchhoff, dem Filialleiter.

      „Hätten Sie bitte einen Moment Zeit?“, fragte sie ihn in seinem Büro.

      Während der Mann, der über ihre Zukunft entscheiden konnte, seinen Blick bewundernd an ihr herabgleiten ließ, antwortete er zweideutig: „So hübsch wie Sie heute aussehen, gerne auch zwei oder drei. Setzten Sie sich bitte.“

      Jasmin versuchte, seine Anzüglichkeit zu überhören und schilderte ihr Anliegen: „Herr Kirchhoff, ich benötige dringend mehr Stunden und würde gerne in Vollzeit arbeiten. So wie bisher, montags bis freitags, aber immer bis halb fünf. Sie wissen, wie verlässlich ich bin, und Sie können immer auf meine Einsatzbereitschaft zählen. Bitte, es ist wirklich sehr wichtig für mich.“

      Kirchhoff stand auf, umrundete seinen Schreibtisch und setzte sich lässig auf die Tischkante. Ohne Scham ließ er von oben herab seinen Blick nochmals ihren Körper abtasten, verharrte etwas zu lange auf den Wölbungen unter ihrer Bluse und sah ihr dann selbstsicher in die Augen.

      Nach einer Jasmin als Ewigkeit erscheinenden Stille sagte er freundlich: „Eigentlich habe ich aktuell keinen Bedarf an einer Vollzeitkassiererin, schon gar nicht an einer mit so eingeschränkten Arbeitszeiten. Andererseits möchte ich auch kein Unmensch sein und Ihnen in ihrer Notlage gerne unter die Arme greifen.“ Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Ich werde das heute noch durchdenken und Ihnen später Bescheid geben. Allerdings erwarte ich dafür von Ihnen, dass ich auch weiterhin auf Ihre, wie sagten Sie so schön, Einsatzbereitschaft zählen kann.“

      Verunsichert durch seine zweideutige Bemerkung bedankte sich Jasmin und verließ sein Büro. Dabei spürte sie die Blicke ihres Chefs im Rücken, aber vor allem auf ihrem Po.

      „Soll mich der alte Sack doch anglotzen“, dachte Jasmin beim Weg an ihren Arbeitsplatz trotzig, „Hauptsache, ich bekomme die Stundenerhöhung.“

      Kurz vor ihrem Feierabend suchte Kirchhoff sie an ihrer Kasse auf und sagte: „Liebe Frau Mattner, ich habe eine gute Nachricht für Sie. Sie können demnächst bis auf Widerruf entsprechend ihres Wunsches arbeiten, und ich mache einen diesbezüglichen Vertragsanhang zur Unterschrift fertig. Morgen können Sie die Änderung unterschreiben und ab dem Ersten somit in Vollzeit arbeiten.“

      Jasmin war glücklich über die positive Rückmeldung, und man konnte ihr die Freude, aber auch die Erleichterung über diese Nachricht ansehen. „Vielen Dank. Sie glauben gar nicht, wie wichtig das für mich ist. Vielen, vielen Dank Herr Kirchhoff, ich werde Ihr Vertrauen in mich bestimmt nicht enttäuschen“, bedankte sie sich überschwänglich, worauf ihr Chef abwinkte.

      „Ich helfe doch gerne. Außerdem ist Geben seliger denn Nehmen, und vielleicht brauche ich ja auch einmal Ihre Hilfe.“

      Er drehte sich um, und Jasmin sah ihm hinterher. „Eigentlich ist er ja doch ein netter Chef“, dachte sie und wendete sich ihrem nächsten Kunden zu.

 

Zufrieden, fast schon beschwingt über die positive Zukunftsaussicht, holte sie Till von der Schule ab. Wie jeden Tag, verbrachte er die Zeit nach seinem Unterrichtsende bei der Hausaufgabenbetreuung. Zukünftig würde er aber die 200 Meter allein nach Hause gehen müssen und bei Filiz klingeln.

      Während Jasmin ihr Fahrrad schob und beide nebeneinander hergingen, erzählte sie Till von den anstehenden Veränderungen. Für ihn schien es kein Problem darzustellen. Im Gegenteil, er freute sich auf die Nachmittage mit der Nachbarin, denn Filiz war nicht nur für Jasmin, sondern auch für Till zu einer festen Größe in seinem Leben geworden.

      Filiz war für Till mittlerweile wie eine zweite Mutter, nur dass sie sich ohne die unterdrückten Sorgen von Jasmin und somit unbeschwerter mit ihm beschäftigte. Obwohl er erst sieben Jahre alt war, bemerkte Till in seiner kindlichen Sensibilität den Unterschied beider Frauen, auch wenn er die Gründe nicht kannte und natürlich auch nicht verstanden hätte.

      Auch Filiz freute sich über die gute Nachricht. Sie bot sogar an, Till zumindest in der Anfangszeit, so wie er es von seiner Mutter gewohnt war, von der Schule abzuholen. Jasmin hatte Tränen in den Augen, bat Till, in sein Zimmer zu gehen und konnte sich erst in seiner Abwesenheit gehen lassen. Während Filiz sie in den Arm nahm und an sich drückte, weinte sie vor Erleichterung.

      „Ich kann das nie wiedergutmachen, was du für uns möglich machst. Es tut so gut, endlich wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen.“

      Filiz strich ihr die Tränen von den Wangen. „Ob du es nun glaubst oder auch nicht, aber für mich seid ihr keine Belastung. Im Gegenteil. Du hast etwas, was ich mir immer gewünscht habe, aber nie bekommen konnte. Du hast ein Kind, das deinem Leben Sinn gibt. Bislang habe ich noch mit niemandem darüber geredet, und es fällt mir nicht leicht, es jetzt zu tun, aber ich kann keine Kinder mehr bekommen.“

      Filiz berichtete von einer Abtreibung, die sie hatte vornehmen lassen und bei der unvorhersehbare Komplikationen auftraten. Die Folge daraus war, dass sie seitdem unfruchtbar war.

      „Ich hatte mir immer gewünscht, irgendwann den richtigen Mann kennenzulernen und mit meinem Leben als Hure abschließen zu können. Einen Mann, der mich liebt und mit dem ich Kinder haben wollte. Zumindest das mit den Kindern ist nicht mehr möglich, aber durch Till habe ich wenigstens zeitweise das Gefühl, Mutter sein zu dürfen.“

      Von diesem intimen und unerwarteten Geständnis betroffen, nahm Jasmin die Hand ihrer Freundin und sah, wie sich nun auch bei Filiz Tränen in den Augen bildeten. Worte waren fehl am Platz, und der stille Trost war dem Moment angepasst.

      „Genug von mir geredet“, unterbrach Filiz die Stille, wischte sich über die Wangen, richtete sich auf und sagte: „Heute werden wir es uns gut gehen lassen und zur Feier des Tages ein leckeres Essen und eine gute Flasche Wein beim Italiener genießen. Ich lade euch ein und erlaube keine Widerworte.“

 

Für Jasmin war es seit ihrem Rausschmiss das erste Mal, dass sie wieder ein Restaurant betrat. Früher waren David und sie oft zum Essen ausgegangen, anfangs, um die romantische Zweisamkeit zu genießen, später aus purer Bequemlichkeit und Gewohnheit. Aber dieser Abend fühlte sich anders, irgendwie besser an. Er war der Anfang zur Unabhängigkeit von David, zu einem längst fälligen Neuanfang auf eigenen Beinen. Dieser Abend wurde zum schönsten seit langem, und Jasmin nahm sich vor, dass es nicht der einzige dieser Art bleiben sollte.

 

Morgens machte sie sich wie gewohnt für die Arbeit fertig, wobei sie selbst feststellte, dass sie gelöster, vielleicht sogar beschwingt war. Till bekam zum Abschied vor der Schule den obligatorischen Kuss für einen erfolgreichen Tag, und Jasmin radelte zum Baumarkt.

      Auch wenn sie unruhig auf die Vertragsänderung wartete, wollte sie nicht bei Herrn Kirchhoff nachfragen und einen ungeduldigen Eindruck machen. Sie sah ihn von ihrem Kassenplatz mehrmals durch den Markt gehen, allerdings suchte er dabei nie den Weg zu ihr. Nachdem ihr Chef sie bis zu ihrem Feierabend immer noch nicht angesprochen hatte, entschied sich Jasmin zur Nachfrage.

      Auf ihr Anklopfen erschallte ein deutliches „Herein“, und etwas eingeschüchtert betrat sie den Raum.

      „Entschuldigen Sie bitte, aber ich wollte wegen meiner Stundenerhöhung nachfragen. Sie hatten doch gestern gesagt, dass ich den Vertrag heute unterschreiben könnte“, fragte sie zurückhaltend.

      „Das Fräulein Mattner“, begrüßte er sie, und ohne auf ihr Anliegen einzugehen, sagte er: „Warum haben Sie sich denn heute wieder so unscheinbar zurechtgemacht? Gestern waren Sie eine wahre Augenweide, und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sich auf der Arbeit auch weiterhin so vorteilhaft zeigen würden.“

      Irritiert sah Jasmin ihren Chef an und war für einen Moment sprachlos. Daher fuhr er fort.

      „Frau Mattner. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber mit etwas figurbetonterer Kleidung, vielleicht auch mal mit einem etwas kürzeren Rock und ein wenig Schminke sind Sie doch auch für unsere meist männliche Kundschaft ein Hingucker. Als eine ausgesprochen hübsche Frau und mit dem passenden Outfit können Sie für eine positive Wahrnehmung unseres Baumarkts sorgen.“

      Von ihrem eigentlichen Grund, der sie zu Kirchhoff geführt hatte, war Jasmin mittlerweile völlig abgekommen. Sie sah automatisch prüfend an sich herunter.

      „Nun sehen Sie es doch auch“, sagte er. „Verstecken Sie Ihren Sexappeal nicht mehr hinter weiten Jeans und Schlabbershirts, und der Stundenaufstockung steht nichts mehr im Wege. Nehmen Sie die nächsten zwei Wochen einfach als Probezeit und zum Ersten des kommenden Monats machen wir Nägel mit Köpfen. Versprochen.“

      Völlig konsterniert nickte Jasmin und verließ wortlos das Büro. Natürlich hatte sie verstanden, was Kirchhoff in Wahrheit wollte. Sie sollte für ihn die Augenweide sein, sich für ihn etwas mehr zur Schau stellen. Er nutzte seine Position und ihre Notlage aus, und Jasmin konnte eigentlich nur seinem Wunsch folgen, denn ohne die Stundenerhöhung würde sich das Licht am Ende des Tunnels als das eines entgegenkommenden Zuges erweisen.

      „Männer, sie sind alle gleich, und du bist auch nur ein Arschloch“, dachte sie. „Aber wenn es dich zufriedenstellt, wenn ich ein bisschen Bein und etwas Dekolleté zeige, dann mach ich das eben. Du bist doch nur ein armer Wicht, der hier seine Macht ausspielt, aber zu Hause bestimmt nichts zu melden hat und unter dem Pantoffel steht.“

      Um ihr Ziel zu erreichen, beschloss Jasmin, seinem Wunsch oder eher wohl seiner Bedingung zu folgen und dann eben auf der Arbeit etwas mehr Haut zu zeigen. Zwar widerstrebte es ihr, seiner Forderung nachzukommen, aber es war nicht der richtige Moment, sich zu widersetzen. Ihr Respekt gegenüber Kirchhoff war jedoch nach dem Gespräch auf null gesunken.

      Filiz gegenüber behielt sie die Probezeit und den Grund dafür für sich. Ihr erzählte sie von einer schon unterschriebenen Vertragsänderung und spielte ihr dabei einen erleichterten und glücklichen Eindruck vor. Ihre Freundin sollte sich keine unbegründeten Sorgen machen, denn eigentlich war die Vollzeit ja schon sicher.

      Wie von Kirchhoff gefordert, erschien Jasmin ab sofort in engen und figurbetonten Tops mit großzügigem Ausschnitt, engen Jeans oder Röcken, die eine Handbreit über dem Knie endeten.

      Gleich am ersten Tag kam er zu ihr an die Kasse und sagte: „Hübsch. So hatte ich mir das gedacht. Und mal ehrlich: Fühlen Sie sich so nicht auch viel weiblicher? Nur die Haare würde ich an Ihrer Stelle hochgesteckt tragen, so wie vorgestern. Das lässt Ihren hübschen Hals auch besser zur Geltung kommen.“ Dabei fasste er eine Strähne ihres Haares, drehte sie um seinen Zeigefinger und strich über ihren Hals.

      Jasmin wich zurück und fasste an die Stelle, die Kirchhoff eben noch berührt hatte. „Könnten Sie das bitte unterlassen?“, bat sie ihn verunsichert.

      „Sorry, ich wollte lediglich meinen Wunsch unterstreichen“, erwiderte er. „Aber vermutlich brauchen Sie keine Hinweise von mir und wissen selbst genau, wie Sie sich unserer Kundschaft gegenüber von Ihrer besten Seite zeigen können.“

      Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und ging zurück in den Markt. Jasmin verstand die deutliche Anspielung sofort. Das mit den Haaren war keine Bitte, sondern eine glasklare Anordnung.

      „Was soll´s“, dachte sie eingeschüchtert. „Dann stecke ich mir eben die Haare hoch und zeige auch noch meinen Hals. Darauf soll es nun auch nicht mehr ankommen.“

 

Filiz fiel die optische Wandlung ihrer Freundin sofort auf. „Nun mal raus mit der Sprache. Wie heißt er?“

      Jasmin verstand die Anspielung auf Anhieb, stellte sich aber unwissend und antwortete: „Ich weiß nicht, was du meinst.“

      Natürlich ließ Filiz nicht locker, grinste und hakte nach. „Ist es ein Arbeitskollege, für den du dich plötzlich so hübsch machst? Versteh das nicht falsch, du bist eine sehr attraktive Frau, aber jetzt hast du noch um einiges zugelegt. Das macht man doch nicht einfach mal so, da muss ein Mann im Spiel sein. Einen, der schon am Haken zappelt? Oder hast du den Köder deswegen aufgepeppt, damit er anbeißt?“

      Jasmin wollte einerseits ihre Freundin nicht anlügen, ihr aber andererseits auch nicht die Wahrheit sagen. Sie würde sich nur unnötige Sorgen machen. Daher entschied sie sich für eine Wahrheit unter Wegfall von Einzelheiten.

      „Okay, du hast recht. Ich habe tatsächlich einen Kollegen, dem ich aufgefallen bin und dem ich gefallen möchte. Aber mehr auch nicht. Er sieht mich gerne an, und dann möchte ich mich eben auch von meiner besten Seite zeigen.“

      Filiz bemerkte die Zurückhaltung in Jasmins Erklärung. Offensichtlich war es ihr unangenehm, über den Mann zu reden. Das respektierte sie, indem das Thema solange auf Eis gelegt werden sollte, bis Jasmin von sich aus über ihren Schwarm berichten wollte.

 

      Auf der Arbeit hatte sie den Eindruck, dass ihr verändertes Aussehen von den Kollegen ebenfalls registriert wurde. Die Männer sahen ihr unverhohlener als zuvor nach, und die Frauen distanzierten sich noch mehr als sonst. Allerdings gab es weder offene Anfeindungen, noch auffällige Flirtversuche. Sie war weiterhin die „Princess Boring“, nur jetzt eben in sexy.

 

Wenige Tage später wurde Jasmin wieder von ihrem Chef an der Kasse aufgesucht. Er machte einen freundlichen und zufriedenen Eindruck.

      „Frau Mattner, ich bin begeistert von Ihrer Entwicklung. Immer, wenn ich durch den Markt gehe und Sie dabei an der Kasse sehe, stelle ich jedes Mal fest, wie gut Ihnen Ihre Entscheidung doch steht. Einen klitzekleinen Vorschlag hätte ich allerdings noch. Ihre makellosen Beine würden doch viel mehr zur Geltung kommen, wenn Sie anstatt der flachen Freizeitschuhe, Ihre zarten Füße in Schuhen mit etwas Absatz kleiden würden. Ich meine ja keine zwölf Zentimeter-Stilettos, aber Pumps in mittlerer Höhe haben Sie doch bestimmt. Und an der Kasse brauchen Sie ja nicht wirklich viel damit laufen. Versuchen Sie es doch einmal. Ich glaube, das würde sehr vorteilhaft für sie sein.“ Er zwinkerte ihr nach seiner zweideutigen Bemerkung zu und ging.

      „War es das jetzt, oder hat er noch weitere Wünsche zu meinem Aussehen?“, fragte sich Jasmin verärgert. „Als ob es meine Entscheidung gewesen wäre, so zur Arbeit zu kommen. Und dann tut er so, als könne ich seinen Vorschlag, ab morgen auch noch hochhackige Schuhe zu tragen, ablehnen.“

      Unter anderen Umständen hätte sie sich vielleicht sogar freiwillig für ihn zurechtgemacht und ihre Reize zum Vorschein gebracht, denn ansonsten war er aus ihrer Sicht ja schon interessant.

      Die falschen Umstände waren der Zwang, eher schon die Erpressung, womit er sich für alle Zeiten als widerliches Ekel disqualifizierte. Niemals könnte sie mit einem solchen Typen auch nur auf einen Kaffee ausgehen. Die Tatsache, dass Kirchhoff verheiratet war und Kinder hatte, war an sich schon Grund genug, ihn als Mann auf die rote Liste zu setzen, spielte aber nach seiner Nötigung schon gar keine Rolle mehr.

      Ansonsten war er aber genau der Typ Mann, in den sie sich hätte verlieben können. Um die vierzig, groß und sportlich, hatte er eine natürliche, aber durchaus dominante Ausstrahlung. Jemand, bei dem sich eine Frau geborgen und beschützt fühlen kann. Nicht klassisch hübsch, sondern kantig, markant und interessant. Aber das hätten eben andere Umstände sein müssen.

Wieder zu Hause ging sie an das Schuhregal. Lange nicht getragene Pumps in Schwarz, Beige und Blau, alle schlicht und mit circa sechs Zentimeter Pfennigabsatz standen ihr zur Auswahl. Mit einem Paar in den Händen sagte sie sich: „Soll sich doch das Schwein an mir aufgeilen. Hauptsache, er fasst mich nicht an, und ich bekomme die versprochene Vertragsaufstockung.“

 

Kirchhoff stand am nächsten Morgen an der Stempeluhr und schien Jasmin zu erwarten. Als sie durch den Personaleingang den Markt betrat und den langen Gang zur Zeiterfassung entlangging, genoss er schamlos lächelnd ihren Anblick.

      Zu einem schlichten Top und einer hautengen Jeans, trug Jasmin die beigen Pumps und bewegte sich grazil auf ihn zu. Aber ihr Blick war zu Boden gerichtet. Sie schämte sich und fühlte sich von ihrem Chef benutzt. Bei jedem ihrer Schritte erklang ein lautes Klacken, welche ihr durch den Widerhall in dem kahlen Gang wie Peitschenhiebe erschienen. Und Kirchhoff tat sein Möglichstes, dieses Gefühl zu verstärken.

      „Na sehen Sie, das ist doch wirklich ein schöner Anblick. Sexy und doch elegant. Ich müsste verrückt sein, eine so attraktive Frau nicht in Vollzeit in meiner Nähe wissen zu wollen. Jasmin, ich darf Sie doch so nennen, Sie sind ein Gewinn für unsere Filiale. Und wenn Sie so weitermachen, können Sie in unserem Unternehmen noch richtig Karriere machen.“

      Es reichte. Nach dieser schamlosen Fleischbeschau und seinen wiederholten anzüglichen Bemerkungen, platzte Jasmin der Kragen:           „Herr Kirchhoff, ich bin nicht ihr persönliches Pin-Up Girl, und ich bin für Sie auch nicht Jasmin. Sie sind mein Arbeitgeber, der von mir erwarten darf, dass ich meinen Job korrekt ausführe. In meinem Vertrag steht nicht, dass ich Ihnen zu gefallen habe, und ich bitte Sie freundlich, Ihre Anzüglichkeiten zu unterlassen.“

      Unbeeindruckt von Jasmins plötzlicher Gegenwehr grinste er sie nur an und wartete ab. Erst als Jasmin, die eigentlich eine Entschuldigung erhofft hatte, Luft holte und etwas ergänzen wollte, unterbrach er sie schon im ersten Wort und antwortete unmissverständlich:

      „Liebe Jasmin, und natürlich werde ich Sie weiterhin so nennen, Sie haben vollkommen recht. In Ihrem Arbeitsvertrag steht nichts davon, dass Sie mir zuliebe sexy angezogen hinter der Kasse sitzen müssen. Aber dafür steht darin, dass Sie eine Teilzeitkraft mit einer 25 Stundenwoche sind. Da Sie es so wollen, bin ich zukünftig nicht mehr anzüglich, und Sie arbeiten Ihre vertragliche Arbeitszeit im Zeitfenster von Montag bis Samstag von acht bis 21 Uhr. Kein Problem.“

      Mit offenem Mund vernahm Jasmin seine Worte, konnte aber nicht glauben, was sie hörte. Unter den Umständen würde es ihr unmöglich sein, dem Job weiter nachzugehen. Tills Betreuung setzte nun mal die Grenzen ihrer möglichen Arbeitszeiten, und sie müsste zwangsläufig selbst kündigen.

      „So war das nicht gemeint“, versuchte sie verzweifelt, die verfahrene Situation zu retten. „Sie wissen, dass ich so nicht weiter hier arbeiten kann, aber auf den Job angewiesen bin. Ich will doch nur, dass …“

      Kirchhoff unterbrach sie. „Das hätten Sie sich früher überlegen sollen. Sie wollen etwas von mir, sind aber nicht einmal zu kleinen Gefälligkeiten bereit. Sorry, aber das Leben ist ein Geben und Nehmen, und ich bin schon sehr von Ihrer Undankbarkeit enttäuscht.“

      Mit Tränen in den Augen flehte sie: „Bitte, geben Sie mir noch eine Chance! Und natürlich dürfen Sie mich Jasmin nennen. Bitte, Herr Kirchhoff, bitte!“

      „Holger, ich heiße Holger. Wenn Sie es wirklich ernst meinen und sich nicht wieder so zickig anstellen, sollen Sie Ihre Chance bekommen, und wir können gerne heute Abend noch einmal über die Vollzeit verhandeln. Ich werde um 19 Uhr vor Ihrem Haus auf Sie warten, und bei einem netten Essen sollten wir uns dann bestimmt über die Modalitäten Ihres Arbeitsvertrages einigen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er in Richtung seines Büros, drehte sich noch einmal zu Jasmin um und ergänzte: „Überlegen Sie es sich gut, und seien Sie pünktlich. Ansonsten haben Sie nächste Woche Spätdienst von 16 bis 21 Uhr.“